Zu meinem Kerker

Vor mir sah ich ein Gebäude, und jenes Gebäude kannte ich aus meiner vorigen Zeit. „So“, dachte ich, „war darin meine erste Zelle?” Ich war in einer alten Arena eingesperrt gewesen. Ich trat durch das Tor ein, doch im selben Augenblick, da ich eintrat, hörte ich ein furchtbares Geschrei und das Gejammer von Menschen. Eine gleiche Szene hatte ich bereits auf der Straße gesehen und ich begriff auf der Stelle, was hier geschah. Ich sah Tote und Verwundete, sie lagen links und rechts um mich verteilt, und ich vernahm das Gefluche von Menschen. 

So wurden die Gläubigen misshandelt. Doch in diesem Augenblick interessierte mich das alles nicht. Ich war nun zu sehr auf mein eigenes Leben eingestellt, sodass ich mich darum nicht kümmern wollte. Es ging mich nichts an, denn ich lebte in der Ewigkeit. Die auf Erden mussten es eben ausfechten. Ein christliches Schauspiel war es allerdings nicht, denn es wurde heftig geflucht und geprügelt. Bald hatte ich meine Zelle erreicht. In dieser Zelle war ich eingesperrt, hatte auf mein Urteil gewartet. An meine Stelle waren nun andere getreten. Ich zählte sieben, obwohl nur für einen Einzigen genügend Platz war. Drei von diesen irdischen Menschen konnte ich deutlich sehen, aber die anderen waren Schemen für mich. Die Wände meiner Zelle waren nunmehr durchsichtig für mich, und so sah ich, dass die anderen Zellen ebenfalls bewohnt waren. Der Mensch auf Erden war in Aufruhr. Die Gläubigen wurden vernichtet. Viele würden sterben müssen, denn wenn sie eingesperrt wurden, waren sie dem Tode geweiht. Hier hatte ich meine Zeit abgesessen. Danach hatte man mich an einen anderen Ort geführt, und dort war ich gestorben. Hier hatte ich mit Marianne gesprochen. Es tat mir Leid, dass ich damals mein Bewusstsein verloren hatte. Doch nun sah und spürte ich nichts von fremden Einflüssen. Ich blieb ich selbst, und es geschah nichts mit mir. Ich wartete ab, doch es geschah nichts. Jetzt, wo ich von mir selbst nichts wahrnehmen konnte, sah ich zu den Menschen hier um mich herum. Um einen dieser Gefangenen sah ich einen Geist, der seine Mutter sein konnte. Als ich mich einstellte, spürte ich, dass dem so war. Spürte und wusste sie, dass mit ihrem Kind etwas Schreckliches geschehen würde? Woher wusste sie das? Wie kam sie an dieses Wissen? Das waren wieder neue Rätsel für mich. Ich ging jedoch nicht zu tief darauf ein, sondern blieb bei meinem eigenen Leben. Viel brachte es mir hier nicht, und ich beschloss, zu meinem anderen Kerker zu gehen. Ich konzentrierte mich ganz stark auf die Vergangenheit, und ich sah und spürte, dass ich die Stadt verließ. 

Ich schwebte nun über der Erde und spürte, dass ich in eine Umgebung kam, wo ich in meinem Leben auf Erden nie gewesen bin. War dies ein Ort für Gefangene? Vor mir lag ein großes Gewässer, und darin lag eine Insel. Das Gewässer war von Bergen umgeben. Ich hätte niemals die Gelegenheit gefunden, daraus zu entfliehen. Es glich eher einer unterirdischen Höhle oder den Katakomben, die ich kannte. Ich spürte sehr deutlich, dass ich an dem Ort weilte, wo ich eingesperrt gewesen und gestorben war. Ich schwebte über das Wasser und betrat die Insel. Dieses Fortschweben fand ich merkwürdig. 

Dort, in jenem scheußlichen Gebäude, war ich gestorben, hier war ich mit Teufeln verbunden. Ich ging hinein und sah, wo ich mich befand und dass ich nach unten musste. Die Stufen waren in den Felsen gehauen, und ich erinnerte mich, dass ich sie gezählt hatte. Das tat ich auch nun. Tatsächlich, es waren zweiunddreißig. Dann kam ich auf einen kleinen Innenhof, doch vor mir sah ich einen Pfad, der schlängelig hinaufführte und mich zu den am höchsten gelegenen Zellen brachte. Nein, hieraus hätte ich nicht entkommen können! Ich wollte zunächst zu meiner eigenen Zelle gehen, danach würde ich die anderen besuchen. Dies musste die Todesinsel sein, von der ich gehört hatte. 

Nun trat ich in meine Zelle ein. In dieses viereckige Loch war für mich ein anderer gekommen. Was für ein elendes Loch war es! Wie schrecklich war das Los dieses Menschen, denn er wartete auf sein Ende. Es war ein junger magerer Mensch, und er lag an derselben Stelle, wo ich stets gelegen hatte und mit den Dämonen in Kontakt gekommen war. Dort ruhte er aus und dachte wie ich: wann kommt mein Ende? War auch er in Kontakt? Er war bereits völlig erschöpft, und lange würde es nicht mehr dauern können. Dann holte ihn der Tod; der Tod, der nicht tot war, sondern Leben bedeutete. Ich selbst war der Tod, und ich stand hier vor ihm, wovon er nichts wusste. Armer Mensch! 

Ich nahm dicht neben ihm Platz, doch er spürte mich nicht. Darauf ging ich durch ihn hindurch, aber auch das fühlte er nicht. Der unsichtbare Mensch konnte sich dem irdischen Menschen ganz dicht nähern, ihn beeinflussen, alles tun, was er wollte, und trotzdem wusste und spürte der irdische Mensch nichts davon. Man musste sehr empfänglich sein, um es sehen, hören und spüren zu können. Wie einfach war es für die Teufel gewesen, zu mir zu kommen! Man konnte in diesem Leben gehen, wohin man wollte und tun, woran man Interesse hatte. Ich musste versuchen, mir diese Verbindung zu Eigen zu machen. Ich wollte genau wissen, wie man den Menschen auf Erden erreichen konnte. Dann würde ich ihn, falls er seinem irdischen Leben ein Ende machen wollte, vor dem „Selbsthinübergehen“ bewahren. 

Über mir sah ich einen Schatten, und dieser Schatten besaß mehr Licht als ich. Das war der astrale Mensch. Der irdische Mensch besaß ein ganz anderes Licht. Daran konnte ich sehen, dass es ein astraler Mensch war. Wachte dieses Wesen über ihn? Das Licht, das ich wahrnahm, war nur sehr schwach, und dennoch wusste ich, dass dieser Mensch höher stand als ich. War dieses Wesen hier, um ihn zu beeinflussen? Ich spürte, dass es mich wahrnahm. Es war eine weibliche Gestalt, das sah ich an den Linien ihrer Figur. Ich spürte noch mehr, wozu sie zu ihm gekommen war, da es deutlich in mich kam. Dies war ein Schutzgeist, ein Mensch, der über das Wohl und Wehe eines Angehörigen wachte. Vielleicht war er auch ihr Kind. Das wusste ich allerdings noch nicht sicher, aber sie war auf jeden Fall mit guten Absichten hierher gekommen. Sie würde ihn vor den Dämonen beschützen, und dann war meine Hilfe überflüssig. Sie wusste auch mehr über dieses Leben als ich, und sie würde ihn auf verschiedene Weise erreichen können, wovon ich noch nichts verstand. Wie ich dies alles so schnell spürte und begriff, war mir nun klar, denn ich fühlte wieder diese andere Einwirkung. Es war, als wurde es in mich gelegt. Daran spürte und erkannte ich meinen eigenen, leitenden Geist und ich begriff, dass mir womöglich andere Wahrheiten deutlich gemacht werden sollten. War er mir bis hierhin gefolgt? War es Emschor? Ich bekam jedoch keine Antwort auf meine Gedanken und wartete folglich ab. Ich begriff aber, dass man in diesem Leben durch andere lernte. Dieses Leben bedeutete Erfühlen, Verbinden und Beschützen. Ich empfand vor ihr, dort über mir, Ehrfurcht und auch vor den Gefühlen, die zu mir gekommen waren. Sie war noch immer da, und ich spürte, dass sie auf mich herabblickte. Ich lernte wiederum andere Kräfte kennen als ich bereits erfahren hatte. Aber was machte ich hier? Hier war ich mit den Dämonen in Kontakt gekommen. Wo waren sie nun? Konnten sie ihn nicht erreichen? War jene Erscheinung für mich hierher gekommen, denn ich spürte, dass sie zu mir sah. Wenn es möglich war, in ein anderes Leben zu blicken und jenes Leben fühlen zu können, dann würde sie wissen, dass ich hier war, um mein eigenes Leben kennen zu lernen. Ich war ihr gegenüber gänzlich offen. Ich sah in das Leben eines anderen und sie, die höher stand als ich, würde das ganz gewiss können. 

Nun dachte ich an die Zeit, da ich hier war. Wie lange war ich eingesperrt? Als man mich einsperrte, hatte ich fast das Alter von achtunddreißig Jahren erreicht. Ich konzentrierte mich auf jene Zeit und spürte, dass ich viereinhalb Jahre hier gewesen war, ehe ich Schluss gemacht hatte. Wie hatte ich es all die Zeit aushalten können? 

In Gedanken kehrte ich zu dem zurück, der meinen Platz eingenommen hatte. Ich wollte wissen, warum er hier war. Als ich mich mit ihm verband, spürte ich, wie ein heftiger Einfluss durch mich hindurch ging; und ich verstand jene Kraft. Wurde mir hierin geholfen? Auch er hatte getötet. Ich sandte ihm die Botschaft, nicht Schluss zu machen, denn dass er noch mehr Leid und Schmerz empfangen würde, als er jetzt bereits erfahren hatte. Dies alles sei noch erträglich, doch das andere sei viel schrecklicher. Als ich hieran dachte, verschwand die Erscheinung über mir. Wohin ging dieser Geist? Spürte sie Gefahr? Ich war mir keiner Gefahr bewusst, denn ich war hier allein mit ihm. Nochmals stellte ich mich auf ihn ein. Ich ging nun gänzlich in ihn über. Ich zwängte mich in seinen Körper, wie ich es bei meinem eigenen Stoffkleid versucht hatte, als ich daneben hing. Ich wollte sehen und erfahren, ob er mich fühlte. Er musste doch zu erreichen sein, dafür war er ein Mensch. Ich zwang ihn aufzustehen, was er tat, aber danach hatte ich ihn nicht mehr in meiner Gewalt, und er ging in eine Ecke seiner Zelle, wo er die Tage, die Wochen, die Monate und die Jahre aufgezeichnet hatte. In Gedanken folgte ich ihm, und ich berechnete all diese Zahlen. Es waren bereits sieben Jahre vergangen. Wie unmenschlich war sein Leiden! Sieben Jahre allein, ganz allein in diesem Schrecknis! Ich fand es äußerst sonderbar, dass ich das alles von ihm übernehmen konnte. Nun sandte ich zu ihm, was ich bereits über dieses Leben wusste, aber wie sich herausstellte war auch das nicht nötig. Er wusste von einem ewigen Weitergehen, denn er war ein gläubiger Mensch. Ich begriff, dass er, was das selbst Schluss machen anging, nicht zu erreichen war. Er war ein Christ und trug sein Kreuz gelassen. In ihm lag ein starker Glaube, und ich bewunderte ihn. Plötzlich tat er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Er kniete nieder und fing an zu beten. 

Wie schämte ich mich nun, da ich dies erlebte! Ich hatte in meinem Leben und auch hier nie gebetet. Doch ich blieb mit ihm eins, und daher ging ein großes Glück durch mich. Konnte ein Mensch dadurch, dass er betete, so glücklich sein? Welch ein schönes Gefühl kam nun in mich! War es die Kraft seines Gebetes? Dann war ich ein armer Mensch. Wie glücklich war er, und trotzdem lebte er hier in dieser Hölle. Das war das Furchtbarste, was ein Mensch auf Erden empfangen konnte. Dieser fromme Mensch hatte getötet? Wie konnte er töten, denn wenn man glaubte, tötete man nicht. Nun sah ich, warum er getötet hatte. Er hatte seine eigene Schwester beschützen wollen. Ein Heide wollte ihren Körper besudeln, und dem kam er zuvor, indem er ihn niederschlug. 

Wer gab mir diese Vision? Er dachte an all das und bat seinen Gott um Vergebung. „Gerne will ich büßen, mein Gott“, so betete er, „beschütze meine Schwester. Sie ist nicht stark, sie ist so schwach und kann sich selbst gegen diese Macht nicht schützen. Steh ihr bei, mein Gott, und ich werde sehr gerne büßen.“ 

Nun verstand ich alles. Armer Mensch, du hast dich aufgeopfert. Du bist nun eingesperrt und wirst hier sterben müssen. Aber welch einen starken Glauben besitzt du, der du noch so jung bist! 

„Beschütze sie“, hörte ich ihn sagen, „jetzt, wo auch Mutter nicht mehr am Leben ist.“ Die Erscheinung war also seine Muter, und ich hatte es richtig herausgefühlt. War sein Vater schon an dieser Seite? Hier allerdings war er nicht. Wie verschieden waren wir beide. Ich suchte Kontakt mit dem Leben, mit Dämonen, ließ mich belügen und betrügen, und er suchte es bei seinem Gott. Er stand innerlich weit über mir. 

Wieder hatte ich eine andere Art von einem Menschen kennen gelernt. Aber was sollte ich hier noch länger tun? Ich wollte fortgehen, doch spürte, dass ich zurückgehalten wurde. Dieselbe Kraft hatte ich beim Eingehen in diese Welt gespürt, als ich aus der Stille in die astrale Welt überging. Auch nun spürte ich diese Kraft, und deshalb konzentrierte ich mich wieder auf den Gefangenen. Hielt er mich an? Nein, und trotzdem hatte ich jene Einwirkung deutlich gespürt, ich konnte mich nicht getäuscht haben. Sollte auch ich beten? Ich empfand Respekt vor diesem unglücklichen Mann, aber ich konnte noch nicht beten wie er. Ich würde auf diese Weise nicht beten können, weil sich mein Inneres weigerte. Doch ich wollte es sehr gerne, denn ich empfand Ehrfurcht vor allem, was ich bis jetzt erlebt hatte, auch vor Gott. Aber zu beten wie er, nein, das war nicht möglich, dafür hatte ich zu viel gelitten. Ich empfand Ehrfurcht, und das war für mich schon sehr viel. Sollte ich anfangen an Gott zu glauben? Wollte jene unsichtbare Macht, dass ich niederkniete? Sollte das Wesen, das mir zugesprochen hatte, das wollen? Ich könnte es noch nicht, obwohl ich fühlte, dass ich es mir zu Eigen machen sollte. Indem ich das Leben erlebte, würde ich mich heben, würde ich anfangen lieb zu haben. Hatte ich denn nicht lieb? Wie sehr liebte nicht ich Marianne! War das kein Liebhaben? Wieder wollte ich fortgehen, und zum zweiten Mal gebot man mir Einhalt. 

Der Gefangene war in seine Ecke zurückgekehrt. Aber was wollte man von mir? Wieder sah ich zu dem Mann, der dort vor mir saß, und ich spürte, dass er in ein tiefes Gebet versunken war. Er saß da mit geschlossenen Augen. Wie einen Heiligen, so sah ich ihn. 

Ich fühlte, dass ich unruhig wurde und dies kam dadurch, dass er betete. Ich fand mich selbst grob und gefühllos. Indem er betete, zog er mich in eine andere Welt, in die Welt des Glaubens, der Liebe und der Hingabe. Jene Welt kannte ich noch nicht. Hier in meiner Zelle lernte ich ein anderes Leben kennen. Ein Leben des Glücks, der Aufopferung und der reinen Liebe. Er war hier, weil er sich für seine Schwester aufgeopfert hat. 

Ich hätte das auch gekonnt. Ich würde mein Leben, für wen auch immer, geben können, wenn ich nur wüsste, ob ich damit etwas erreichte. Einen Tod gab es ja nicht, es ging ewig weiter. 

Lange sah ich zu ihm, und weil ich dies alles erlebte, kam ich auf andere Gedanken. Wenn dies die Absicht war, dann hatte man etwas erreicht und würde ich hieran denken und weiterhin denken. Ich würde versuchen, ein Christ zu werden wie er. In seinem tiefsten Kampf, in Leid und Schmerz und vielem anderem Elend, wollte er büßen, bat er Gott noch um Kraft für andere. Hierdurch lernte ich mich selbst kennen. Ich hatte geflucht und verflucht. Ich hatte Gott ein ungerechtes Wesen genannt. Hier lernte ich, wie man leben sollte, und gleichzeitig lernte ich andere Höllen und Himmel kennen. Sie, die soeben fortgegangen war, lebte in ihrem Himmel, und der Himmel, den er besaß, war groß im Vertrauen und Glauben. Mein Himmel war die Finsternis, in der ich lebte. Ich lebte zwischen diesen beiden Zuständen und wollte sehen, dass ich mir meinen Himmel aneignete. Ich war sehr froh, dass ich dies hatte erleben dürfen. Abermals wollte ich fortgehen, denn hier hatte ich nichts mehr zu suchen. Nun wollte ich zu den anderen Zellen gehen, aber ich wurde zum dritten Mal zurückgehalten. Doch ich sah kein Wesen, nichts von jener Kraft, die mich daran hinderte, fortzugehen. Der Gefangene saß nun da und starrte vor sich hin und hatte aufgehört zu beten. Er saß da, als wäre er tot, er schien nicht zu atmen. Aber wenn er dies tat, pfiff es in seiner Brust, sodass ich es in meiner Welt hören konnte. 

Plötzlich sprang er wieder auf, ging in seiner Zelle einige Male im Kreis und kehrte zu seinem Platz zurück. Auch ich hatte es so getan, weil ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Ich verband mich nun mit ihm und wollte ihn beruhigen, doch er tat, was er selbst wollte, und ich spürte, dass ich ihn nicht erreichen konnte. Als er von meiner ersten Konzentration aufgesprungen war, hatte er dies selbst gewollt. Hierdurch lernte ich, dass sich der Mensch auf Erden gegen andere und fremde, ihm unbekannte Dinge, abschloss und sich schützte. Gott legte in den Menschen einen eigenen Willen, und nach der Abstimmung, dem Gefühl und der Persönlichkeit, war der stoffliche Mensch zu beeinflussen. Aber ich begann zu spüren, dass Gott – ohne Mitwissen des Menschen – ihn dennoch lenkte. 

Nun dachte ich an Emschor. Wenn er mich dies erleben ließ, dann wollte ich ihm aus tiefster Seele dafür danken. Wenn er mich führte, wollte ich ihn bitten, Geduld mit mir zu haben; denn ich würde mein Bestes tun, um mir dies alles zu Eigen zu machen. Für mich war dieses Geschehen Lebensweisheit. Dadurch lernte ich das Leben, in dem ich nunmehr lebte, kennen und mein eigenes Leben anzunehmen. 

Ich setzte mich wieder neben dem Gefangenen nieder, eine andere Kraft zwang mich solches zu tun. Kaum hatte ich Platz genommen, da meinte ich vor mir einen leuchtenden Schleier zu sehen. Es war ein gleiches Geschehen wie damals, als ich hier eingesperrt war. Deutlich sah ich, dass sich darin etwas aufbaute, das immer deutlicher und dichter wurde, sodass ich es als einen Menschen erkannte. Der Mann neben mir sah davon jedoch nichts. 

War dies allein für mich? Tatsächlich, ich hatte richtig gesehen. „Emschor“, sagte ich in Gedanken, „es ist Emschor.” Der Geist, der mir vor einem Jahrhundert zugesprochen hatte, kehrte wieder zu mir zurück. Ein strahlendes Gesicht sah mich an, und eine erhabene Kraft strömte in mich. 

„Lantos“, hörte ich ihn sagen, „Lantos Dumonché.“ 

„Du kennst mich?“, fragte ich. 

„Du hörst, dass ich dich kenne, doch hör zu. Ich komme zu dir, um dir einige Mitteilungen zu machen, und ich bin sehr dankbar für die schönen Gedanken, die du soeben zu mir sandtest.“ 

„Weißt du das?“, fragte ich. „Du hörst, dass ich es weiß.“ Merkwürdig, dachte ich, welche Kräfte besitzt dieser Mensch! 

„Ich hinderte dich soeben daran weiterzugehen und verband dich mit dem, der neben dir sitzt und mit vielen anderen, dir noch unbegreiflichen Dingen. Höre mich an: Von hier aus wirst du mit dem Leben verbunden werden. Vor vielen Jahren habe ich dir hier zugesprochen und riet dir, deinem irdischen Leben kein Ende zu machen. Nun komme ich zu dir, um dich von unserem Leben zu überzeugen. Ich folge dir, Lantos, in allem und bin die Verbindung mit noch höheren Wesen, die dich und mich führen. Ich darf dich mit der Vergangenheit verbinden, aber das ist nicht mein Wille, doch der Wille derer, die in den höheren Sphären leben und sich die kosmisch Erwachten nennen. Deshalb folge ich dir auf all deinen Wegen, denn wir beide bilden zwei Glieder einer mächtigen Kette, die uns mit diesem Leben, der Vergangenheit und dem Kosmos verbindet. Schritt für Schritt wirst du deinem Weg folgen, und dabei werde ich dir helfen. Dadurch wirst du Wunder erleben und werden all deine Fragen, „warum und wozu“, beantwortet werden. Dadurch wirst du in dieses Leben eingehen und es als Besitz annehmen. Du wirst Abgründe überbrücken und die Kräfte, die dafür nötig sind, wirst du dir zu Eigen machen. 

Es wird dir aufgefallen sein, dass ein jeder seinen Weg verfolgt, sowohl auf Erden als an dieser Seite. Nun denn, alle sind auf dem Weg, um der Menschheit zu helfen und für sich selbst gutzumachen, was sie gutzumachen haben. Sie alle dienen einer höheren Macht und sind bereit, das Schwerste, dem sie auf ihrem Weg begegnen, zu verarbeiten. Sie dienen dem Leben, arbeiten an ihrer inneren Abstimmung und gehen in dieses Leben über. Ihr Weg ist der deine, ist der meine und der derer, die bereits die höchste Abstimmung erreicht haben. Einst wirst du bei mir in den Sphären des Lichts sein. Dort erwartet dich eine Aufgabe. Nimm also alles an, wie wunderlich es auch ist. Indem du diese Wunder erfährst, wirst du nachher noch größerer Wunder annehmen, weil es mit deinem Leben auf Erden und deinen vorigen Leben zu tun hat. 

Dies alles gehört zum Kreislauf der Erde. Es ist der Kreislauf der Seele, die ihren Weg zum Höchsten verfolgt. Du wirst deinen Kreislauf beenden, darum folge der Stimme deines Herzens. Sie bringt dich an den Ort, wo sich für dich diese Wunder und Probleme lösen werden. Jeder Gedanke und jedes Ereignis verbindet dich mit der wahrhaftigen Wirklichkeit. Ich werde dir also in allem zur Seite stehen, und warum dies geschieht, wirst du später erst richtig verstehen können. Dies ist mir aufgetragen worden, es ist deine und meine Aufgabe. 

Ich habe dir sonderbare Dinge zu erzählen, höre weiter zu, Lantos. Wir beide gehörten zum selben Geschlecht. Ich trug einst deinen Namen, den Namen, den du nunmehr trägst. An dem Ort, wo du geboren wurdest, werde ich es dir erklären. Es sind jedoch viele Jahrhunderte vergangen, seit ich auf Erden lebte. Viele Jahrhunderte wartete ich auf diesen Augenblick der Verbindung. Ich sagte dir vor einem Jahrhundert, dass auch ich meinem Leben ein Ende machte. Du tatest es, weil du dein Ende nicht abwarten konntest, da dich die Einsamkeit wahnsinnig machte. Deine Neugierde, dieses Leben kennen zu lernen, brachte dich in diesen Zustand. Ich aber tat es aus Reue, weil ich anderen ihren Besitz stahl. Dies habe ich in einem anderen Leben wieder gutmachen müssen. Mit meinem eigenen Leben habe ich dies gebüßt. Doch ich habe mich aus der Finsternis befreien können, weil ich das Gute suchte, dem Guten folgen wollte, da man mich von meinem eigenen Leben überzeugt hatte. Dieser Weg steht auch dir offen. Ich rate dir daher, das Höhere zu suchen, denn es gibt ein Weitergehen, und es erwarten dich schöne Gefilde. Dort wirst du Licht und Glück besitzen. Ich sagte dir bereits, dass höhere Wesen mir beistehen, um dir die tiefsten Probleme deutlich zu machen und dass wir für sie wirken werden. Dies alles dient dazu, den Menschen auf Erden von unserem Leben zu überzeugen. Ich diene dir, du dienst mir, wir alle dienen. Nun kannst du mir Fragen stellen.“ 

Ich fragte auf der Stelle: „Du bist aus meinem Geschlecht?“ 

„Ich gehörte zu deinem Geschlecht, darum kenne ich dich und ich trug deinen Namen.“ 

„Kannst du mir davon mehr erzählen?“ 

„Nein, noch ist es nicht an der Zeit, später, an dem Ort, wo du geboren wurdest.“ 

„Rührte jene Einwirkung in meinem Atelier von dir her?“ 

„Von mir her.“ 

„Was bedeutete das grüne, zuckende Licht, das ich wahrnahm?“ 

„Was du wahrnahmst, war deine Verbindung mit den Dämonen.“ 

„Habe ich es dann doch richtig gespürt?“ 

„Ja, aber es waren meine Gedanken, ich ließ es dich spüren.“ 

„Danke“, sagte ich und fragte: „Warum hat er mich hierhin geschickt?“ 

„Du hattest ihm gegenüber etwas gutzumachen, er verfolgte dich. Er hat dir geholfen, dir selbst das Leben zu nehmen.“ 

„Und ich kannte ihn nicht.“ 

„Das ist auch nicht nötig, aber später kann ich dir das alles erklären. Dies gehört zum Gesetz von Ursache und Wirkung.“ 

Ich fand alles merkwürdig und fragte: „Jene Skulptur, die in Scherben und Brocken zersprang, taten das die Dämonen?“ 

„Ihre Kräfte sind in Wirklichkeit so stark, dass sie dies können.“ 

„Habe ich etwas mit der Skulptur zu tun?“ 

„Auch das will ich dir aufhellen, doch an einem anderen Ort, dort, wo du einst lebtest. Es gehört zur Vergangenheit.“ 

Ich dachte wieder an den, der mich hierhin geschickt hatte und fragte: „Kennst du diesen Dämonen?“ 

„Ja, Lantos, er ist ein Angehöriger von dir.“ 

„Von mir? Ich kenne ihn nicht, ich hatte keine Angehörigen und war der Einzige von unserem Geschlecht. Wie ist das möglich?“ 

„Trotzdem ist dies der Fall und du wirst ihn kennen lernen.“ 

Wunderlich ist dies alles, dachte ich und fragte weiter: „Weißt du, wo meine Geliebte ist?“ 

„Ja, sie lebt an dieser Seite.“ 

„Kann ich zu ihr gehen?“ 

„Nein, sie lebt in der Welt des Unbewussten. Auch davon werde ich dir erzählen, wenn es so weit ist.“ 

„Kann sie nicht zu mir kommen?“ 

„Nein, das ist nicht möglich.“ 

„Schade“, sagte ich, „aber ich bin dir sehr dankbar.“ 

„Keine Ursache, ich bin bereit, dir in allem zur Seite zu stehen.“ 

„Ist Marianne sich nicht bewusst.“ 

„Bald werde ich es dir erklären, folge deinem Weg.“ 

„Noch eine Frage: Warum bleibst du in deinem Zustand, in deinem Himmel?“ 

„Weil du dein eigenes Leben zu leben hast.“ 

„O, nun verstehe ich dich.“ 

„Ich gehe fort, Lantos, doch werde dir weiterhin folgen. Leb wohl, suche das Gute. Dein Emschor.“ 

Der Geist löste sich vor mir auf, und ich war wieder allein mit tausend Gedanken. Aber ich konnte nicht denken, denn dies hatte mich überrumpelt. Der Mann neben mir war eingeschlafen. Auch ich legte mich neben ihm nieder, denn ich besaß nicht die Kraft, um fortzugehen. Ich wusste mehr als vorher, und trotzdem war alles im Dunkeln. Er würde weiter über mich wachen! Marianne war in diesem Leben und dennoch unsichtbar für mich. Ich spürte vieles und begriff ihn, aber von all diesen Problemen und Wundern spürte ich nichts. Doch ich musste weiter, hier konnte ich nicht bleiben. Indem ich weiterging, würden sich all diese Wunder offenbaren, und ich lernte dieses Leben kennen. Ich wollte an mir selbst arbeiten und das Geheimnis meines Lebens und das von Marianne und von so vielen anderen Dingen näher kennen lernen. Ich sammelte all meine Kräfte und sprang auf von dem Platz, wo ich saß. Fort von hier, weit weg aus diesem Elend. „Leb wohl“, sagte auch ich zu ihm, „gebe Gott, dass bald dein Ende kommen möge. Armer, armer Mensch!” Darauf ging ich fort. 

Nun ging ich von einer Zelle in die andere. Über und unter mir waren sie eingesperrt. Ich sah alte und junge Leute. Dies war ein Ort des Todes, hier lebten der Tod und das Leben. Der Mensch legte sein irdisches Kleid ab und erhielt stattdessen ein anderes. Jenes Leben lag in ihnen, doch weder fühlten sie dieses Leben noch kannten sie es. Das war das Leben, in dem ich lebte und in das auch sie eingehen würden. 

Ich hatte bereits viele Zellen besucht und scheußliche Szenen erblickt. Viele ruinierten ihren irdischen und geistigen Körper und gingen gänzlich zugrunde. „Gott sei Dank“, dachte ich, „dass diese Gedanken nie in mir aufgekommen waren.” Besaß ich denn eine andere Mentalität als sie? War ich davon befreit? Es musste wohl so sein, denn ich könnte mich nicht an mir selbst vergreifen. Dies war noch schrecklicher als einen Menschen zu töten. Diese waren geistig wahnsinnig und folterten ihr Stoffkleid. Dies konnte ich nicht verarbeiten und ich ging fort.