Die Vergangenheit
Meine Eltern gingen zurück zur Erde, und das verstand ich. Ich hörte sie dort bereits rufen: „Warum und wozu kann Gott dies gutheißen?” Mir war es nun klar. Alle anderen Fragen und Geschehnisse würde ich solange in meinem tiefen Inneren ruhen lassen. Sie lösten sich eins nach dem anderen auf. Ich würde genau so lange fortfahren, bis ich leer war und keine Fragen mehr in mir waren. Dann würde ich schon wieder sehen. Ich könnte Jahrhunderte hindurch nachdenken, doch ich musste weiter, immer weiter. Ich konzentrierte mich auf mein eigenes Leben. Wohin, Lantos? Bis hierher bist du gekommen, nun weiter! Nun konzentrierte ich mich auf die astrale Welt und trat nach einem kurzen Augenblick dort ein. Ich folgte der Stimme meines Herzens, und jene Stimme führte mich an den Ort, wo ich geboren worden war. Ich wollte alles über meine Jugend wissen. Ich hatte bereits gelernt, mich auf verschiedene Weise zu orientieren, sodass es wie von selbst ging. Ich schwebte über der Erde und spürte, dass ich dieses Land verließ. In nichts spürte ich irgendeine Behinderung, ich ging überall hindurch. Ich wusste, dass ich an den Ort gelangen würde, wo ich meine Jugend verbracht hatte. Diese Kräfte waren unfehlbar. Ich war gespannt, wie alles dort sein würde. Meine Eltern lebten an dieser Seite und ihr Besitz war natürlich in andere Hände übergegangen. Aber in welche Hände? Wie war ihr Ende auf Erden, waren sie auf normale Weise gestorben? Und Marianne? Auch das wollte ich wissen, kurzum alles, was zu ihrem und meinem Leben gehörte, wenn das zumindest möglich war. Wohin ich auch sah, überall war Leben. Wenn ich in schnellem Tempo vorwärts ging, sah und spürte ich nichts von allem. Doch auf langsame Weise sah ich den astralen Menschen, der sich fortbewegte wie ich, wenn wir ein und dieselbe Abstimmung hatten. Sonst war es nicht möglich. Jeder folgte seinem eigenen Weg. Der eine um zu helfen, ein anderer um das Leben zu vernichten. Wieder andere um bewusst zu werden, wie ich. Denn ich war nicht bewusst, ich war noch ein lebender Toter. Bewusstwerdung, ja, das war es, was ich mir zu Eigen machen wollte. Ich spürte nun, dass das Ende nahte und ich betrat meinen elterlichen Besitz. Ich hatte meine Gedanken hierauf gerichtet, und so war ich dorthin gelangt.
Sofort ging ich zu meinem elterlichen Haus, dort würde für mich die Vergangenheit entschleiert werden. Das hatte mir Emschor versprochen, und er würde sein Wort halten, daran zweifelte ich nicht. Ich wandelte wieder auf meinem eigenen Besitz, auf dem Boden, der unter meinen Füßen brannte, und den ich einst zurückließ. Nun war jedoch alles anders.
Wo einst meine elterliche Wohnung stand, war nun eine Ruine. Konnte das sein, war ich wohl am richtigen Ort? Die alte Burg war ein Trümmerhaufen. Doch ich spürte, dass dies mein elterliches Haus war, wo ich einst lebte. Was war hier geschehen? Ich wollte fortgehen doch spürte, dass die bekannte Kraft in mich kam. „Bleib“, hörte ich, „ich komme gleich zu dir.“
Tatsächlich, dies hatte ich schon einmal gesehen, und ich dachte an die Zeit, da ich diese Vision erlebt hatte. Das war als ich fortging, und nun sah ich, dass das, was ich gesehen hatte, Wahrheit war. Aber wodurch war unser Haus zerstört worden? Durch die Elemente? Ich hatte es einst gesehen, war dann nach Hause zurückgegangen, doch hatte bemerkt, dass nichts geschehen war. Nun waren nur noch die Fundamente übrig von dem, was einst eine stolze Burg war. Ich fühlte nun, wie die Kraft meines Meisters in mich kam und sagte in Gedanken zu ihm: „Willkommen, Meister, ich bin dir sehr dankbar.“ Darauf hörte ich, wie gesagt wurde: „Ich bin es, Lantos, Emschor.“
Ich fragte: „Bin ich am falschen Ort?“
„Nein“, war seine Antwort, „du bist hier richtig. Hier hast du gelebt, von hier aus bist du in die weite Welt gegangen. Die Stimme deines Herzens betrügt dich an dieser Seite nie, wenn du ihr weiterhin folgst, du brauchst nur zu lauschen.“
„Darf ich dir Fragen stellen?“
„Frag, so viel du willst, ich bin bereit.“
Ich spürte, wo ich anfangen musste, denn ich sah mein ganzes Leben vor mir. „Warum empfand ich in meiner Jugend diese plötzliche Abneigung gegen alles, was reich war, gegen diese Kinder und diese Feste? Woher kamen diese Gefühle? Kannst du mir darauf antworten?“
„Ich werde dir antworten, hör zu und versuche mich zu versehen. Ich war es, Lantos!“
„Du? Warum tatest du das?“
„Diese Gefühle lagen in dir, doch ich weckte sie. Jene unbegreiflichen Kräfte gehörten zur Vergangenheit. In jenem Leben solltest du in ein anderes übergehen, und zwar in das Leben, in dem du gelebt und das du bereits zurückgelegt hast. Ich meine also dein letztes Leben auf Erden. Ich tat nichts anderes, als dir jene Kräfte bewusst zu machen. Ich wirkte auf dich ein, worauf du handeltest. Der Mensch kommt mit einem bestimmten Ziel auf die Erde, um, wie ich dir bereits sagte, gutzumachen. In dir lag nun jene Kraft, es war also dein Wille, ein anderes Leben anzunehmen. Du bist in jene geistige Abstimmung gekommen, doch im Leben davor, nicht in dem Leben, in dem du dich von deinem stofflichen Leben befreit hast. Ich bleibe jedoch bei deinem letzten Leben; nachher wirst du all die anderen Leben wahrnehmen können, von denen ich soeben sprach, und ich kann dich bewusst verbinden. Frage mich, wenn dir das, was ich soeben sagte, nicht deutlich ist, ich werde dir antworten.“
„Wenn ich dich richtig verstanden habe“, sagte ich, „dann bin ich in jenes Leben auf Erden gekommen, um mich davon zu befreien und unserem Besitz zu entfliehen?“
„So ist es, sehr deutlich gespürt.“
„Ist das ein Gesetz?“
„Das Gesetz von Ursache und Wirkung.“
„Danke“, sagte ich. „Hast du mir in allem zur Seite gestanden?“
„Ja, in allem.“
„Auch in der Kunst?“
„Auch darin.“
„Dann habe ich dir viele Fragen zu stellen.“
„Fahre fort, Lantos, ich stehe zu deiner Verfügung.“
„Sag mir, Meister, war ich in einem vorigen Leben Künstler?“
„Ja, im alten Ägypten.“
„Was sagst du?“
„Im alten Ägypten.“
„Wie wunderlich und merkwürdig ist das, was du da sagst.“
„Für dich sind es Wunder, doch all diese Wunder und Probleme sind Lebenswahrheiten, welche die Seele erlebt hat.“
„Weißt du, wo ich mir jene Kunstgefühle zu Eigen gemacht habe?“
„Auch das wirst du erfahren.“
„Danke“, sagte ich, „kannst du mir davon schon erzählen?“
„Nein, an dem Ort, wo du gelebt hast, also später.“
„Geschieht das auf dieselbe Art und Weise, wie ich es schon erlebt habe?“
„Ja, dort kann ich dich mit der Vergangenheit verbinden, hier ist es schwierig.“
„Kannst du mir erklären, warum ich in meiner Jugend so war? Ich meine, was beschützte mich, und woher kam die Verachtung für mein Geschlecht?“
„Das hängt mit deiner ersten Frage zusammen. In dir lag das Gefühl, um fortzugehen. Du wolltest dich losmachen, aber in deiner Jugend hast du das nicht erfühlen können. Das war alles zu tief, selbst nun würdest du die Tiefe dieser Gefühle nicht ergründen können.“
„Nein“, sagte ich, „das kann ich nicht, aber ich spüre, was du meinst. Ich danke dir, Meister. Du erwecktest mich also auch hierin?“
„Ja, indem dir diese Gefühle bewusst gemacht wurden, spürtest du, was du tun müsstest. Die Verachtung unseres Geschlechts manifestierte sich dadurch, dass du das Höhere suchen wolltest. Ist dir das einleuchtend?“
„Ja, ich verstehe dich. Aber wenn diese Gefühle nicht in mir gewesen wären, was dann?“
„Dann wären viele Jahrhunderte vergangen. Trotzdem wärst du in diesen Zustand der geistigen Kraft gekommen. Das ist unvermeidlich. Jene Gefühle hast du dir folglich in anderen Leben zu Eigen gemacht. Jeder Mensch wird früher oder später in ein und dieselbe Gefühlsabstimmung kommen. Er wird es auf eine andere Art und Weise erfahren, aber alles läuft darauf hinaus, dass er es innerlich, und zwar unbewusst, doch selbst will. Darum ist der Mensch abgründig und sind es Probleme für ihn. Doch all diese Probleme, wie ich schon sagte, haben eine Bedeutung, und zwar diese: dass es das Übergehen in eine höhere Abstimmung ist, die sich der Mensch in anderen Leben zu Eigen gemacht hat. Das gehört zum Kreislauf der Erde. Was der Mensch in einem Leben einem anderen gestohlen hat, wird er in einem anderen Zustand wieder gutmachen müssen.“
„Habe ich denn diesen Besitz, den ich nicht wollte, anderen gestohlen?“
„Nicht du, sondern ich.“
„Aber was habe ich dann mit all dem zu tun?“
„Du warst mein Sohn.“
„Was sagst du, ich war dein Sohn, dein Kind?“
„Mein Kind, Lantos. Du bist mein Junge, doch das ist Jahrhunderte her.“
„Du gehst immer tiefer. Du erzählst mir Wunder, nichts als Wunder und Probleme. Ich, dein Kind?“
„Mein Junge, mein Kind, Lantos.“
Probleme, dachte ich, von denen ich niemals hätte träumen können.
„Ist der Mensch denn kein Wunder? Kein Problem? Ich will es dir später erklären. Fahre fort, dann kannst du das alles besser verstehen.“
„Du sagst, dass alle Menschen das erleben. Werden auch sie geführt?“
„Ein jeder, weil der Mensch mit Tausenden von anderen in Verbindung ist und all diese Menschen damit zu tun haben. Doch von dieser Seite wird der Mensch, also die Seele, auf Erden beeinflusst. Wenn das freilich möglich ist. Sie sind also in diese erhöhte Abstimmung gekommen, sonst ist es nicht möglich.“
„Manchmal waren Gedanken in mir, die schneller waren als ich. Kannst du mir das erklären?“
„Es war meine starke Konzentration, die durch dich sprach.“
„Ich danke dir, Meister, ich verstehe dich vollkommen. Du hast mich erreichen können.“
„Richtig, wie nun, da diese Einwirkung die gleiche ist. Du weißt nun, wie man sich von dieser Seite aus mit dem Menschen auf Erden verbindet.“
„Also darum wurde mein Kunstgefühl wieder bewusst?“
„Ganz richtig bemerkt, nur dadurch.“
„Merkwürdig ist alles, großartig und abgründig.“
„Du erlebst Wunder, und diese kannst du nur erfahren, weil ich mich mit dir verbinde. Eine höhere Abstimmung kann sich mit denjenigen, die unter ihrer eigenen Lebensabstimmung leben, verbinden. Das dürfte dir nunmehr klar sein. Übergehen und verbinden, dadurch wirst du bewusst. Du wirst jene Kräfte kennen lernen. Erst dann wirst du in ein anderes und höheres Leben eingehen, wo dich großes Glück erwartet. Vergiss das niemals!“
Noch immer sah ich mich selbst. Es war wundersam, was ich nun erlebte. Da hörte ich: „Du siehst durch meinen Willen und meine Kräfte.“
Ich fragte: „Du weißt stets, woran ich denke, ist das so einfach?“ „Tatest du es nicht bei anderen?“
„Ja, ich habe es schon erlebt, aber es immer und immer wieder zu erleben, das ist gerade das Wunderliche, und darüber kann ich nicht genug nachdenken.“
„Du siehst, Lantos, wie schön diese Kräfte sind.“
„Ich will sie mir zu Eigen machen, Meister.“
„Fahre so fort und suche das Gute, dann wird es sich in dir wandeln. Indem du dich wandelst, wirst du das Leben erfühlen, du wirst dein Haupt neigen vor Ihm, der dies alles lenkt.“
„Es ist wie in einem Traum, dieses Erleben. Ist das richtig empfunden?“
„Das Leben vor dir, also deine Jugend, siehst du in visionärem Zustand. Du bist vom Geist her hell, aber durch meine Kräfte. Aus eigenen Kräften wirst du das nicht können. Nur indem du das Gute willst, wirst du sie dir zu Eigen machen. Ich komme hierauf immer wieder zurück, weil es die einzige Möglichkeit ist, höher zu kommen.“
„Du hast es nicht mit einem Undankbaren zu tun, Meister. Ich will, ich bin davon überzeugt. Du bist Liebe, Meister und hast lieb, mehr als ich.“
„Sollte ich meinem eigenen Kind nicht in Liebe beistehen? Würdest du anders handeln? Würden Eltern, wenn sie wissen, und wenn sie all diese Wunder und Probleme kennen, nicht handeln wie ich? Ist die Liebe nicht die Kraft, die uns verbindet, die Berge versetzt und uns und alles Leben leben lässt? Die uns verbindet mit dem Höchsten, was es gibt, mit unserem Vater, der im Himmel ist? Dahin führt unser Weg.“
„Ich bin arm an Liebe, Meister, noch bin ich arm“, worauf ich hörte: „Doch du bist dabei, dir diese Liebe zu erobern. Du willst, dass man dir hilft, das ist bereits ein großer Besitz. Das heißt, dass du bereit bist, dein Kreuz zu tragen, und indem du es trägst, beugst du dich höheren Mächten. Das ist der Weg, der einzige Weg, mein Junge.“
„Ich bin also noch unbewusst?“
„Leider, du bist ein lebender Toter.“
„Es ist hart“, sagte ich, „das hören zu müssen.“
„Diese Härte wirst du ablegen. Indem du das Leben erlebst, wirst du dich ändern. Doch immer das Gute, sonst ist es unmöglich.“
„Also, die Menschen auf Erden sind nicht bewusst?“
„Nein, keiner von ihnen. Von all den Millionen Wesen, die nun auf Erden leben, ist nicht ein Einziger geistig bewusst. Erst dann, wenn der Mensch die erste geistige Abstimmung an dieser Seite betritt, erhält er Bewusstsein. Jenes Bewusstsein ist die Liebe, die sie besitzen, sie sind dadurch so weit gekommen, weil sie Gutes tun und für andere leben.“
„Ich habe noch nichts für andere getan“, sagte ich.
„Auch jene Zeit ist im Anzug. Bald wirst du etwas für andere tun, hab nur Geduld. Hier kannst du nur das tun, was innerlich in dir steckt, was du fühlst, was in dir lebt, und jene Kraft ist Liebe. Allem Leben gegenüber Liebe zu empfinden, lässt dich erwachen.“
„Ich fertigte in meiner Jugend meinen Gott, warum tat ich das? Kannst du mir das erklären?“
„Schon in deiner Jugend lag in dir das Verlangen nach Glück und nach dem Höheren. Also, Verlangen, das sich auf diese Weise manifestierte. Du wolltest das Leben kennen lernen, so auch Gott. Doch du hast jene Gefühle nicht verstanden, aber sie haben diese Bedeutung.“
„Halfst du mir auch darin?“
„Ja, ich spornte dich an, das höhere Leben zu suchen und jeder Gedanke, den du dafür hegtest, machte dich wach und zwang dich, weiterhin jenem Weg zu folgen.“
„Ich danke dir, Meister, ich begreife es, ich bin auch jetzt nicht anders.“
„So ist es. Du bist nunmehr bewusst, doch in jener Zeit handeltest du unbewusst.“
„Du sagtest, dass ich nunmehr bewusst sei und soeben, dass ich ein lebender Toter sei, was soll ich daraus schließen?“
„Blickst du nicht in deine Jugend?“
„Ja, das alles spielt sich vor mir ab, ich sehe und spüre es.“
„Nun denn, du bist dir dessen bewusst, aber durch meine Kräfte. Du siehst, hörst und fühlst, doch jenes Sehen, Hören und Fühlen ist kein geistiges Bewusstsein. Du hast noch immer keinerlei Besitz. Wenn dem so wäre, wärst du in einer anderen Sphäre, und zwar in den Sphären des Lichts. Doch es herrscht noch stets Finsternis um dich herum, und darum bist du nicht geistig bewusst. Dieses Bewusstsein kommt folglich daher, weil ich dich verbinde. Deshalb wissen wir, dass der Mensch auf Erden nicht bewusst ist. Sie sind dort lediglich stofflich bewusst, haben stofflich lieb, und das ist somit ein anderes Bewusstsein. Wenn ich von geistigem Bewusstsein spreche, so ist es deine ewige Abstimmung. Noch fühlst du irdisch, also stofflich. Wir kennen das stoffliche Leben, also stoffliches Bewusstsein, geistiges Bewusstsein und kosmisches Bewusstsein. Du lebst noch stets in deinem stofflichen Leben und wirst nunmehr jenes Leben ablegen. Du versuchst, dir ein anderes Bewusstsein anzueignen. Ist dir das verständlich?“
„Ja, ich spüre, was du meinst, danke. Wenn ich in meiner Jugend ich selbst gewesen wäre, denn ich erinnere mich jener Gefühle, hättest du dich dann zurückgezogen?“
„Ja, dann wärst du du selbst. Vergiss nicht, dass der Mensch einen eigenen Willen hat, und dass der höhere Geist dein Leben nicht beeinflussen kann und wird, weil er das weiß. Du wirst selbst handeln müssen, wir können dich lediglich beschützen und lenken. Dein Inneres kann von uns also nicht verändert werden. Kein einziger Geist kann die Lasten des Menschen tragen. Jeder Mensch trägt sein eigenes Kreuz. Doch wir können helfen, indem wir dich in die Richtung lenken. Es liegt also nicht in meiner Macht, dich gänzlich leben zu lassen, wie ich es mir wünschte. Das ist nicht möglich, und deshalb fühltest du zwei gegensätzliche Gefühle, die dennoch miteinander zu tun hatten. Wenn ich spürte und sah, dass du den falschen Weg einschlagen würdest, half ich dir, indem ich dich für den anderen Weg anspornte. Ich wirkte im Stillen auf dich ein, was du deutlich gespürt hast.“
„Ich fertigte Sonne und Wolken, warum tat ich das?“
„Du suchtest, du verlangtest nach geistigem Glück.“
„Hängt das mit meinem Tun und Lassen in vielen anderen Dingen zusammen?“
„Mit deiner ganzen Jugend, dieser Drang lag in all deinen Gefühlen.“
„Ich starrte stundenlang zum Himmel, gehört das auch dazu?“
„Ja, das Verlangen zu wissen, Gott kennen zu lernen, geistiges Glück zu besitzen, brachte dich in diesen Zustand.“
„Als meine Sonne verregnete spürte ich, dass dies mit meinem Leben zu tun hatte; wie jung ich auch war, ich spürte es dennoch. War das die Wahrheit?“
„Du hast es bereits erlebt, du weißt, dass dein Leben zerstört wurde. Doch ich ließ es dich in deiner Jugend spüren.“
„Du wusstest es schon lange im Voraus?“
„Ja, ich blickte in dein Leben.“
„Das ist merkwürdig, du blicktest weit voraus.“
„Ich machte dir bereits klar, dass der Mensch zu ergründen ist, aber nur dann, wenn man selbst jene Kräfte besitzt. So, wie du nun wahrnimmst, blickte ich in dein Leben.“
„Du konntest also nicht eingreifen? Ich meine, hättest du mein Leben nicht verändern können? Musste dies geschehen?“
„Ja, alles liegt fest, das ist ein göttliches Gesetz. Das habe ich dir in deinem vorigen Zustand, in der Welt des Unbewussten, deutlich gemacht. Du kehrtest also mit einem festen Ziel zur Erde zurück, und daran ist nichts zu ändern. Auch nicht durch einen Geist oder einen Menschen, wie hoch sie auch gekommen sind.“
„Wenn ich es richtig herausfühle, hat mein Hinübergehen, als ich selbst meinem Leben ein Ende machte, keine Bedeutung und unterliegt nicht diesem Gesetz?“
„Nein, du wärst zu deiner Zeit gestorben.“
„Ich handelte also selbst, nicht unter kosmischem Einfluss?“
„Sehr richtig empfunden, so ist es.“
„Alles Leiden ist also umsonst gewesen?“
„Nein, das nicht, du wurdest wach gerüttelt.“
„Ja, ich habe gelernt, wie schrecklich es auch war. Aber woher kannte mich derjenige, der mich dazu anspornte?“
„Aus einem anderen Leben.“
„War er sich dessen denn bewusst?“
„Ja. Hör gut zu, ich will es dir erklären. Warst du dir deines Kunstgefühls bewusst?“
„Ja, das war ich.“
„Nun denn, warum dann er nicht? In ihm lag Hass, ein Hass gegenüber dem einen oder anderen Menschen. Dieser Mensch warst du. Er hasste dich, konnte dich hassen, weil du ihn einst, das liegt weit zurück, gequält, ihn gefoltert hast. Jene Kräfte und Gefühle lösen sich allein dann auf, hören auf zu bestehen, wenn alles gutgemacht ist. Du solltest ihm in deinem irdischen Leben begegnen, und das ist geschehen. Alles also Ursachen und Folgen, mein Lantos. Die Folge einer einzigen Ursache hast du erfahren. Er wusste, was dich erwartete, und darum, allein darum, warst du mit ihm in Kontakt. Du hast ihn einst gefoltert – das wirst du gleich sehen –, und deshalb musstest du etwas gutmachen.“
„Aber wenn ich meinem irdischen Leben nun kein Ende gemacht hätte, was dann?“
„Dann hättest du erlebt, dass die Dämonen dich an dieser Seite erwartet hätten. Du wärst überfallen worden, und sie hätten dich weggeschleppt, gefoltert und geschlagen. Doch auch dann hättest du die Ursache dieses Geschehens gespürt. Danach ging er dann fort, in ihm und in dir hatte sich etwas verändert. Die Vergangenheit löste sich darin auf, so auch das Gesetz von Ursache und Wirkung, so auch der Mensch, die Seele, die dies erleben sollte und die etwas gutzumachen hatte. Unbewusst wurde er zu dir hingezogen, doch später wurde für ihn alles bewusst und ging jenes Gefühl zum Bewusstsein über. Denn bist du kein Künstler geworden? War das nicht dein Verlangen? Ist es nicht geschehen? Gefühle also, doch nichts als Ursache und Wirkung, nichts und nichts anderes.“
„Soll ich wissen, wie und warum es in der Vergangenheit geschehen ist?“
„Später, wenn ich dich mit der Vergangenheit verbinden kann. Du wirst dann froh sein, dass es bereits vollbracht ist, dass du es gutgemacht hast.“
„Dann wären mein Tod und mein Übergang einige Jahre später gekommen?“
„Sehr gut, du hast es richtig herausgefühlt, so ist es.“
„Das ist mir nun ganz klar, Meister, und ich danke dir. Hast du auch auf meine Eltern eingewirkt?“
„Nein, sie lebten ihr eigenes Leben. Sie waren nicht zu erreichen, und sie werden in andere Leben übergehen, um in jenes Stadium des Gefühls, der Liebe zu kommen. Sie werden noch viel zu lernen haben. In das sie nun kommen bedeutet, dass sie für ihre Existenz hart werden arbeiten müssen. Das haben sie und tausend andere nötig, was allein auf Erden möglich ist.“
„Aber warum musste ich das alles erfahren und nicht sie? Sie sind doch aus unserem Geschlecht?“
„Du gehörst zu mir, was dir gleich einleuchten wird. Du bist und warst der Letzte unseres Geschlechts.“
„Ach, nun fange ich an, dich zu verstehen. Falls ich es spüre, so bist du die Ursache und ich die Wirkung.“
„Wir beide sind eins, Lantos, haben eine Verbindung, wie das Gesetz von Ursache und Wirkung ein und dieselbe Bedeutung hat. Eine Ursache wird gutgemacht werden, und das ist nunmehr geschehen. Du hast es erlebt.“
„Ich hätte meinem Geschlecht also keine Nachfolger geben können, wie sehr meine Eltern das auch wünschten?“
„Auch das ist sehr richtig herausgefühlt. Nein, dein Kreislauf auf Erden, hörst du, nahm ein Ende. Ich war derjenige, der dies alles bestimmt hat. Du warst mein Kind, und folglich werden wir beide es gutmachen. Deine Eltern lebten von unserem Besitz, welchen ich einst einem anderen nahm. Aber vor Jahrhunderten. Doch in deinem letzten irdischen Leben sollte sich diese Vergangenheit offenbaren, und das gilt für jeden Menschen. Alle werden sie erleben, zurückkehren und gutmachen, dem entgeht keiner. Das alles ist Kampf, Leid und Schmerz. Du hast es erfahren. In dir lag jener Kampf; doch ich unterstützte dich in allem, um zu gehen und zu akzeptieren, zu tun, was du innerlich fühltest. Ich frage dich, würdest du den Besitz anderer haben wollen, wenn du weißt, dass er ihnen gestohlen worden ist?“
„Nein“, sagte ich, „das würde ich nicht wollen.“
„Nun denn, du solltest fortgehen und das alles zurücklassen, weil du innerlich so weit gekommen bist. Du wärst sonst ein Herrscher geworden. Ist dir das klar?“
„Ja, Meister.“
„Deine Eltern lebten all die Zeit von gestohlenen Gütern, vom Besitz anderer, doch einst wird er ihnen genommen werden, und alles löst sich auf.“
„Also ruhte auf unserem Besitz ein Fluch?“
„Ja, der Fluch der Vergangenheit.“
„Dann ist mir auch das klar, ich habe es gespürt. Jetzt, wo ich es weiß, verstehe ich mein Fortgehen. Ich wollte weg, etwas trieb mich von zu Hause fort und das bedeutete, dass ich mich von der Vergangenheit löste. Wie mächtig ist alles, Meister, wie wunderbar und natürlich!“
„Das sind Gesetze, mein Sohn, Naturgesetze, es ist Gottes heilige Führung.“
„Andere kommen zurück und verschenken ihre Güter an andere, ist das eine gleiche Situation wie die meine?“
„Manchmal, nicht immer, aber meistens ist es ein und dieselbe Kraft, eine andere Bedeutung gibt es nicht.“
„Aber dann ist das nicht Gutes tun, dann ist das Gutmachen?“
„So ist es, aber der Mensch ist sich dessen nicht bewusst, er denkt Gutes zu tun, doch er bezahlt seine Schulden.“
„Abgründig, sehr abgründig“, dachte ich. Es war nicht gut und nicht schlecht, er erfüllte lediglich ein Gesetz und machte gut, was er einst falsch gemacht hatte. Mächtig war es, was mir nun klargemacht wurde, und ich dankte dem Meister sehr innig. „Zwingen andere sie, solches zu tun?“, fragte ich.
„Ja, andere spornen sie dazu an, und sie haben automatisch mit ihnen zu tun.“
„Wie passt alles zusammen, Emschor!“
„Das ist das Leben. Das eine hat Verbindung mit dem anderen, geht in das Vorige über. Das sind Gesetze, Gottes heilige Gesetze, Zustände, Verbindungen und Abstimmungen im Geiste, also Ursachen und Wirkungen. Du spürst schon, alles ist Gottes Wille, Gott kennt all Seine Kinder und weiß, was sie im Leben auf Erden tun werden. Was es auch sei, in welchem Zustand sie dort geboren werden, arm oder reich, alles liegt fest und wird geschehen. Und dieses Geschehen ist Gottes heiliger Wille, der alles lenkt und führt. Gott weiß, was die Seele auf Erden erfahren wird, weil der Mensch dorthin zurückkehrt, um zu empfangen; sei es gut oder schlecht, Glück oder Armut, Kampf oder Elend. Sie haben sich in einem vorigen Zustand dahinein gebracht. Ich habe es erlebt. Auch du und tausend andere werden es noch erleben müssen. Wieder andere sind auf Erden und dienen und geben sich gänzlich für andere. Später wird dir das klar werden, du wirst es sehen und erleben. Du hörst es, immer nur wieder erleben, bis dass du dir die geistige Liebe zu Eigen gemacht hast und die Sphären des Lichts betrittst.“
„Kennst du Marianne?“
„Ja, ich kenne sie. Du hast hier mit ihr gespielt, ich folgte dir in allem.“
„Weißt du, wie sie hinübergegangen ist? Kannst du mir davon erzählen?“
„Ja, aber später, wenn wir so weit gekommen sind, hab also noch etwas Geduld.“
„Warum verhielt sie sich so merkwürdig, wenn ich dir diese Frage stellen darf? Ich meine, in meiner Jugend.“
„In ihr lagen dieselben Gefühle wie in dir, und zwar die Verbindung mit dir, doch auch sie war sich dessen nicht bewusst. Auch nicht, wenn sie erneut geboren werden wird. Aber einmal ist es so weit, dann weiß sie, dass sie die Deine ist. Du weißt es bereits jetzt, aber sie wird in dieses Gefühl übergehen. Ihr beide habt zunächst noch etwas gutzumachen, sie auf Erden, du an dieser Seite. Deshalb handelte auch sie nach einem inneren Drang. Doch sie wird ihr eigenes Leben erfahren müssen, genau wie du. Es dürfte dir also klar sein, dass das zur Vergangenheit gehört, was der Mensch in seinem irdischen Leben nicht begreift und dennoch spürt. Einst jedoch wird es ihm bewusst, und zwar an dieser Seite. Dort, auf Erden also, ist dies nicht möglich. Du blickst nicht hinter den Schleier, spürst nicht die Tiefe deines eigenen Lebens, kannst nicht durch all die Jahrhunderte blicken. Dies, ich sagte es dir bereits, können allein diejenigen, die die Kräfte dazu besitzen, und die die kosmisch Erwachten sind, die Meister, die die höchsten Sphären erreicht haben, die mir und dir zur Seite stehen, um die Menschheit auf Erden von ihrem ewigen Fortbestehen und dem Kreislauf der Seele zu überzeugen. Gleichzeitig, dass sie dort sind, um gutzumachen und zu lernen lieb zu haben, was Gottes Leben ist. Das ist der Weg, den sie beschritten haben, und den du und ich und Millionen beschreiten werden. Sie, Marianne, handelte also nach ihrem inneren Gefühl, das tief in ihr verborgen lag. Ihr beide seid Zwillingsseelen, seid eins in allem, im Gefühl, im Verstehen und in der Liebe. Doch diese Verbindung werdet ihr erst an dieser Seite empfangen. Erst später, mein Lantos; denn ihr seid dabei, es zu verdienen, hörst du, zu verdienen. Ihr könnt nun keinen anderen mehr lieb haben. Diese Einheit des Gefühls geht in euch beide über. Darin spürt ihr euch selbst, erkennt ihr euch selbst, darin spürt ihr Gottes heilige Liebe. Diese Liebe ist mächtig, und weil sie mächtig ist, werdet ihr jene große Kraft, die Glück und Seligkeit bedeutet, verdienen müssen. Du an dieser Seite, Marianne auf Erden. Sie wird nun gutmachen müssen, was sie deinem Freund Roni einst angetan hat. Auch das will ich dich sehen lassen, aber später.“
„Habe ich es denn richtig gespürt, als ich hier umherspazierte und ihre Figur in meinen Armen trug?“
„Ja, doch es waren meine Gefühle. Ich legte jene Wahrheit in dich, die du spürtest, aber nicht begriffst. Nun ist dir alles klar und ich rate dir, es zu akzeptieren.“
„Bin ich ihr schon auf Erden begegnet?“
„Ja, du kanntest sie, und sie kannte dich schon vor vielen Jahrhunderten, doch ihr beide habt euer Glück zerstört. Der Mensch wird vernichten, was er nicht kennt, und trotzdem gehört es zu ihm, zu seinem inneren Leben. Doch ihr wart noch nicht so weit. Darum sind alle Menschen noch nicht bewusst, noch nicht so weit, um diese große und heilige Liebe zu empfangen. Sie denken, dass sie jene Liebe besitzen, doch das sind eigene Gedanken und Verlangen, die keine geistige Wahrheit enthalten. Sie haben weder Verstand von geistiger Liebe noch von geistiger Einheit und Verständnis. Was sie fühlen, gehört zum stofflichen Leben und sind irdische, also stoffliche Gefühle. Dieses Gefühl liegt weit vom geistigen Glück entfernt. Alle – wer auch immer – werden sich entwickeln müssen. Doch das kostet Kampf, Leid und Schmerz; aber allein dadurch kann man sich des großen und mächtigen Glücks bemächtigen. In diesem, im Leben des Geistes, werden alle Menschen verbunden werden.“
„Auf Erden empfängt also niemand diese Liebe?“
„Doch, sicher. Auf Erden leben Menschen zusammen, die bereits so weit sind, doch all diese Wesen gehören zu den Begnadeten, denn sie sind in allem eins. Aber wenn es auch nur einen einzigen Gedanken gibt, den der eine zum anderen schickt, und der nicht verstanden wird, hat diese Verbindung keine geistige Bedeutung, und es ist eine irdische Verbindung. Diese Verbindung wird erst dann geistig sein, wenn die Menschen, also Mann und Frau, diese Liebe besitzen und innerlich tragen. Aber dann gehören sie zu unserer Welt und sind Kinder im Geiste, hörst du: Kinder. Zwillingsliebe, auf die du wartest, und die du dabei bist zu verdienen, ist die heiligste Verbindung, die wir an dieser Seite kennen, ist das höchste Glück, das Gott Seinen Kindern schenken kann. Diese Liebe gibt, sie dient, sie geht über in ihn und er in sie, sie leben durch ihr Gefühl, im Gebet und im Glauben und wirken für ein einziges Ziel, um den Menschen und alles andere Leben, das Gott geschaffen hat, glücklich zu machen.“
„Dann brauchst du mir nichts mehr zu sagen. Dann bin ich noch nicht so weit.“
„Danke. Es ist herrlich, dass du anfängst, mich zu verstehen. Mach weiter so, dann kann und werde ich dir viele Wunder erklären.“
„Indem ich ihr immer und immer wieder begegnete, bin ich also in ihrer Liebe bewusst geworden?“
„Ja, so ist es.“
„Wir mussten also auseinander gehen?“
„Das war notwendig und auch wiederum nicht. Du hättest es durch Kampf überwinden können, indem du ein Leben als eine Hölle akzeptiert hättest, wodurch du lieben haben gelernt hättest. Wer will das auf Erden? Doch das ist der Weg. Das Wesen also, die Seele, wird dem Wesen begegnen, das kosmisch zu ihm gehört. Schon wieder Gottes Wille und ein Gesetz, woran kein Mensch etwas ändern kann. Doch der Mensch akzeptiert nicht, er geht fort und sucht und sucht so lange, bis er glaubt, das verfolgte Ziel erreicht zu haben und sieht darin seine Liebe. Darum wird der Mensch, wird die Seele auf die Erde zurückkehren, werden Menschen einander begegnen, stets aufs Neue begegnen, da sie eins sind, ein und dasselbe Leben erleben, was ihren Kreislauf auf Erden im Seelenleben bedeutet. Dafür, mein Lantos, ist die Erde da, der Planet, zu dem wir gehören. Die Erde und unser Leben dienen als Läuterungssphären. Wenn diese einmal abgelegt sind, macht sich die Seele bereit, um in den vierten Grad der universellen Abstimmung einzugehen. Es gibt sieben Grade, und du spürst wohl, dass tausende von Jahren vergehen werden, ehe wir so weit sind.“
„Hast du dieses Große bereits empfangen?“
„Ja, Lantos, mir ist dieses Große gegeben.“
„Und du bist alleine?“
„Nein, ich werde nie mehr allein sein können, da dieser Besitz in mir liegt. Spürst du die tiefe Bedeutung hiervon?“
„Ja, ich spüre es, denn du bist in jenen Besitz übergegangen.“
„So ist es. Es ist keine Trennung mehr möglich, da ich in dieser Abstimmung lebe. Es ist mein Besitz.“
„Auch der ihre?“
„Wir sind eins, Lantos, werden eins bleiben, auch auf Entfernung. In unserem Leben gibt es keine Entfernung mehr, wenn Seelen eins sind, ein und dieselbe Liebe fühlen. Was ich erlebe und fühle, erlebt sie. Begreifst du, wie tief, doch wie heilig diese Verbindung ist?“
„Das liegt noch weit von mir entfernt.“
„Nein, wenn du weiterhin das Gute suchst, wirst du dieses Mächtige in einigen Jahrhunderten empfangen.“
„Jahrhunderten, sagst du?“
„Jahrhunderten, Lantos. Aber was heißt das, du lebst schließlich in der Ewigkeit? Was ist ein Jahrhundert? Was ist eine irdische Lebenszeit? Doch nichts. Du wirst dich würdig machen, diese geistigen Schätze zu empfangen. Einst wirst du zu Gott beten, noch ein wenig warten zu dürfen. Du wirst Ihm zurufen, dass du noch nicht so weit bist und Angst hast, dass du diese Liebe abermals nicht verstehen wirst. Spürst du, wie mächtig jener Besitz, die Kraft und das Glück ist, diese Liebe zu fühlen? In einem anderen Wesen eine gleiche Liebe spüren zu dürfen, als du selbst bist und besitzt? Nochmals, was sind Jahrhunderte? Dass es notwendig ist und so lange dauert, kann ich dir mit einer kleinen Geschichte verdeutlichen. Hör zu:
Ein Kind wird auf Erden geboren und erreicht das Mannesalter oder das Alter einer Frau. Dann wird es es selbst. Es geht bewusst, zumindest für die Erde, in jenes Leben über. Folge nun jenem Leben und sieh, es geht nicht aufwärts, sondern es sinkt, es sinkt tiefer und tiefer, um dann zu sterben. Es vergingen siebzig Jahre und mehr. Dieser Mensch hat sich nichts zu Eigen gemacht. Hörst du? Siebzig Jahre, fast ein Jahrhundert. Ist dir klar, was ein Jahrhundert an dieser Seite bedeutet? Wie viele Jahrhunderte werden nun notwendig sein, um das Heiligste empfangen zu können?“
„Ich akzeptiere, Meister, ich kann nicht anders. Ich werde warten, ich verspreche es dir. Ich träumte in meinen jungen Jahren, dass ich ein Künstler würde, waren auch das deine Gefühle?“
„Die meinen, Lantos. Ich legte jenen Traum in dich und ließ dich Dinge träumen, die einst geschehen würden. Ich blickte also voraus, doch es lag in dir.“
„Auch dieser Traum, dass ich töten würde?“
„Auch das, denn du solltest dich vergessen. Dadurch lerntest du, und du hast gelernt, dich fortan zu beherrschen.“
„War es nicht möglich, dagegen anzugehen?“
„Nochmals, du hast dein eigenes Leben zu leben und nicht durch mich und somit auch nicht durch andere.“
„Und das Böse denn? Sie haben mich hierher gebracht. Das durften sie nicht tun. Aber ist diese Kraft nicht die gleiche?“
„Ich frage dich, Lantos, ist es gut, Böses zu tun?“
„Nein“, sagte ich, „das nicht.“
„Nun denn, sie taten es und werden es gutmachen müssen. Du hast gebüßt, er aber fuhr fort andere zu vernichten. Doch einmal kommt auch daran ein Ende und er sucht das Gute. Falls du ihm einmal begegnen wirst und er dich bittet zu helfen, was wirst du dann tun?“
„Helfen!“
„So soll es sein, Lantos. Auch er wird einmal jene Kräfte besitzen, und erst dann seid ihr Brüder im Geiste. Doch er wird bis zu seiner letzten Tat alles gutmachen müssen, was er anderen antat. Du jedoch stehst am Anfang deines ewigen Lebens, aber du wirst dich geistig entwickeln müssen.“
Ich fragte weiter: „Die Ruhe, die in mich kam, als meine Eltern, vor allem mein Vater, so roh zu mir sprach, war jene Ruhe die deine?“
„Ja, die meine. Es war mein Wille.“
„Er hat mich geschlagen und getreten, muss er das gutmachen?“
„Das wird er gutmachen, dem kann er nicht entkommen, und einmal tut er es gerne.“
„Das Glück, das ich empfand, war dein Glück, nicht wahr?“
„Ja, Lantos, ich war glücklich, dass du diesen Weg, koste es, was es wolle, fortsetztest.“
„Hätte ich mich nicht beherrschen können?“
„Nein, dann wären die Folgen unabsehbar gewesen.“
„Ich danke dir, Meister, ich verstehe dich vollkommen. Ist dieser Besitz nun in andere Hände übergegangen?“
„Ja. Die rechtmäßigen Eigentümer haben diesen wiederbekommen, denn es war ihr Besitz. Ich habe ihnen diesen vor vielen Jahrhunderten gestohlen. Doch du siehst, einmal wird der rechtmäßige Eigentümer seinen Besitz wiederbekommen. Du erfuhrst dies alles in deinem vorigen irdischen Leben, andere sehen es erst Jahrhunderte später ein. Wisse, dass Gott keine Herrscher kennt und dass Gott allein Liebe ist. Die Vorstellungen deiner Eltern waren also falsch. Sie wussten jedoch nichts davon und werden es erst in einem anderen Zustand akzeptieren, wenn sie sich selbst und das Leben kennen lernen. Sie folgen also deinem Weg, und auch sie haben sich geistig zu entwickeln. Wir wollen hoffen, dass sie im folgenden Leben auf Erden so weit kommen werden. Du warst der Letzte, wie ich schon sagte, und solltest fortgehen. Aber in diesem Leben wird sich dir alles offenbaren, und das erlebt ein jeder.“
„Das ist mächtig“, dachte ich, „daran kann der Mensch nichts ändern, und sie wissen auch nichts davon.“ Ich fragte weiter und sagte: „Wer hat dieses Gebäude zerstört?“
„Die Elemente.“
„Dann habe ich es richtig gespürt“, dachte ich, doch hörte: „Ich ließ es dich wahrnehmen, durch meinen Willen und meine Kräfte.“
„Wo waren damals meine Eltern?“
„Im Haus, sie wurden erschlagen. Hier liegen zwei Menschen, dein Vater und deine Mutter.“
„Sind sie an diesem Ort begraben worden?“
Nein, an einem Ort im Wald, das war ihr Wunsch.“
„War es Gottes Wille, dass es zusammenfiel?“
„Nein, das nicht, das hat nichts mit Gottes Willen zu tun, wenn es auch zu dieser Wirkung gehört. Ihr Übergang stand fest.“
„Also Zufall?“
„Nein, Wirkung, also Ereignis, doch lediglich ihr Ende, nicht dieser Zusammenfall. Später wirst du diese Gesetze kennen lernen, nun ist es mir nicht möglich, sie dir zu erklären.“
„Du ließest mich dies alles erleben und im Voraus sehen, mit welcher Absicht?“
„Um dich nunmehr von deinem Kreislauf auf Erden zu überzeugen. Du würdest es sonst nicht annehmen können. Doch du siehst, all diese Geschehnisse haben eine Verbindung und passen zusammen.“
„Du bist mächtig, Meister Emschor.“
„Sag das nicht mehr, da ich nur ein Kind im Geiste bin. Allein Gott ist mächtig. Du wirst nun auch annehmen, dass es keine Wunder und Probleme gibt, und dass diese Wunder und Probleme sich auflösen, sobald wir anfangen sie zu kennen. Ein geistiges Gesetz bekam also Verbindung mit einem irdischen Geschehen – in diesem Falle die Elemente, die ihren Besitz vernichteten – und das bedeutete ihren Übergang. Das besagt, dass Stoff und Geist eins sind. Spürst du, was ich meine?“
Ich dachte lange nach und sagte: „Wenn ich verunglücke, dann muss das nicht festliegen?“
„Genau, das meine ich. Wenn aus Unvorsichtigkeit ein Unglück geschieht, ist es kein kosmisches Geschehen. Trotzdem hat es wiederum geistige Bedeutung. Doch ich sagte dir, es ist zu tief, um bereits darüber zu reden.“
„Wie ist dein irdisches Leben gewesen, und wie war mein Leben, als ich zu dir gehörte?“
„Das will ich dich sehen lassen.“
Die Erde versank vor mir, und alles Leben verschwand vor meinen Augen. Ich aber blieb an dem Ort, wo ich war. Die alte Burg vor mir nahm Formen an, alles veränderte sich und schien aufs Neue zu leben. Deutlich sah ich es vor mir. Dann sah ich ein anderes Bild. In einem der Gemächer dieser prächtigen Burg sah ich ein Wesen, und jenes Wesen erkannte ich auf der Stelle. „Emschor“, sagte ich in Gedanken, denn er war es. Er trug ein merkwürdiges Gewand, doch ich erkannte die Rüstung, weil auch mein Vater und ich etwas Derartiges getragen hatten.
„Was du nun sehen wirst, gehört zu einer Zeit, bevor ich diesen Besitz mein Eigentum nennen konnte.“
Darauf verschwamm dieses Bild und ein anderes Bild wurde für mich sichtbar. Ich sah Emschor auf einem Pferd, doch er war ein Söldner. Er trug ein Gewand, wie es die Leute in jener Zeit trugen. Man lieferte sich eine Schlacht, und er umzingelte mit vielen anderen den Besitz eines anderen, den sie eroberten. Er siegte also, doch betrog seinen Meister. Viele wurden getötet, darunter sein Herr. Das alles sah ich deutlich. Auch dieses Bild verschwamm wieder, und ich sah ihn in einem der Gemächer dieser Burg wieder, wo er zu Bett lag. In einer Ecke des Gemachs baute sich nun ein Wesen auf, und in jenem Wesen erkannte ich mich selbst. Groß und schlank stand ich da. Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war und wurde im Gefühl mit mir selbst verbunden, sodass ich die Bedeutung dieses Bildes verstand. Mein Vater war krank und er wollte, dass ich fortging und anderen seinen Besitz vermachte. Das war ein teuflischer Plan. Ich verstand es vollkommen, da Emschor mich dies alles im Voraus hatte sehen lassen. Ich erfüllte jedoch nicht seinen Wunsch und weigerte mich. Ich ließ mich nicht von meinem Besitz fortjagen. Er sprach zu mir und drängte darauf, seinem Wunsch zu entsprechen. Ich weigerte mich nach wie vor und fand ihn geisteskrank. Deutlich verstand ich jedes Wort, das in jener Zeit gesprochen wurde. Dann führte ich mit ihm ein Gespräch und überredete ihn doch.
Nach diesem Bild sah ich ein anderes. Vor mir sah ich einige Wesen, auch ich war dabei. Ich hatte an derselben Tafel Platz genommen, wo mein Vater saß. Ich sah, wie er aufstand, mich dabei ansehend und hörte ihn diese Worte aussprechen: „Ich will, dass derjenige, der den Namen Lantos Dumonché trägt, diesen Besitz übernimmt und für die … und die … Person sorgen wird. Stimmst du dem zu?“ Diese Frage wurde an mich gerichtet. Es wurde ein Betrag festgelegt, und die Namen wurden niedergeschrieben. Ich antwortete bejahend, und dann wurden Dokumente aufgesetzt und versiegelt. Auch jenes Bild verschwamm wieder und ich sah ein anderes, wovon ich bebte. Vor mir sah ich meinen Vater, er hatte sich das Leben genommen. Ich wusste warum und verstand das alles. Ich sah wiederum ein anderes Bild. Vor mir sah ich andere Wesen, und ich war dabei. Es wurde ein anderes Dokument aufgesetzt und das erste zerrissen. Darin stand: „Ich will, dass derjenige, der den Namen Lantos Dumonché trägt, den Besitz im volljährigen Alter übernehmen wird und sich als Herrscher geltend macht.” Das echte war verfälscht. Danach sah ich mich selbst mit einigen Kindern und meiner Gemahlin. Sie schenkte mir zwei Jungen und ein Mädchen.
Auf dieses Bild folgte ein anderes, und ich sah mich selbst auf einem Pferd. Ich war bereit, um in den Kampf zu ziehen und führte den Befehl über Hunderte, die mir folgten. In der Ferne sah ich das Ziel meiner Reise. So schnell wie der Wind flogen wir vorwärts und wir eroberten den Besitz eines anderen; doch es wurden viele getötet. Meinen Gegner kannte ich allerdings. Es war der Mann aus meinem Kerker, dieser Dämon. Dann sah ich ein anderes Bild, vor dem ich erschrak. Wir waren in unserer Folterkammer und zwangen ihn, von seinem Besitz Abstand zu nehmen. Sein Gesicht war wie das eines Teufels, und er verfluchte mich. Nun war mir klar, was ich ihm angetan hatte. Doch auch er war ein Räuber und ein Mörder. Auch sein Besitz war gestohlenes Gut. Das Bild verschwamm wieder und ich erlebte mein Ende, aber auf natürliche Weise. Mein Kind folgte mir, und danach die eine Generation nach der anderen. Dazu gehörten meine Eltern. Merkwürdig hing das alles zusammen, und ich musste es akzeptieren. „Die Vergangenheit ist großartig“, dachte ich.
„Du siehst, Lantos, Streit, Raub und Gewalt. Doch die Gewalt ist vernichtet worden. Diejenigen, deren Besitz ich stahl, haben ihn zurück. Deine Eltern sind die Letzten gewesen, die hier lebten. Du gingst fort und hast dein Leben mit eigener Hand beendet. Ich könnte so fortfahren und dir mehr Dinge und Geschehnisse deutlich machen und zeigen, doch das führt uns zu weit. Ich will mich lediglich hierauf beschränken, und du sollst es akzeptieren. Du hast vieles gutgemacht, auch ich. Du siehst, dass die Kinder alles wieder abgeben werden, wenn der Vater seinen Besitz gestohlen hat. Du hast dein eigenes Leben zu leben und ich das meine, und beide haben wir gelitten.“
„Wo ist meine Mutter, deine Gemahlin?“
„Sie ist an dieser Seite, doch besitzt eine höhere Abstimmung als ich.“
„Ist sie dein Glück?“
„Nein, sie nicht, sie gehört zu einem anderen.“
„Wo sind meine Frau und meine Kinder?“
Es sind nun welche auf Erden, und es leben bereits welche in den Sphären des Lichts. Die eine Generation folgte der anderen, Lantos. Du bist also hierhin zurückgekehrt und gingst fort. Darum kehrte ich zur Erde zurück. Allein dadurch sind wir verbunden und werden beide gutmachen. Du spürst auch, dass es mir nicht möglich war, es in jener Zeit gutzumachen, weil du mein Kind warst. Du zwangst mich, es zu lassen, doch ich konnte nicht zustimmen und machte meinem Leben ein Ende. Du hast nicht getan, worum ich dich bat, du hast die Dokumente verfälscht und neue aufsetzen lassen. Aber meine Tat blieb, diese konnte man nicht vernichten, auf mir ruhte alles. Mein Hinübergehen war noch nicht genug. Du aber bist mit dem Vernichten fortgefahren. Doch ich danke Gott, das dies alles geschehen ist. Meine Sünden sind mir vergeben. Ich habe dies mit meinem Leben gebüßt und an dieser Seite, so auch auf Erden, in anderen Leben also, gutgemacht.“
„Wie viele Leben sind zurückgelegt?“, fragte ich.
„Viele“, hörte ich ihn sagen, „doch in jenem Leben waren wir zusammen. Du und ich, wir sind in andere Leben übergegangen, um doch wieder auf diesen Besitz zurückzukehren. Spürst du nun, wie abgründig der Mensch, die Seele, das Leben ist, das den Stoff führt und lenkt? Das alles ist nicht zu ergründen, mein Junge, also lass es genug sein. Du siehst auch, dass Liebesbande nicht gebrochen werden können. Zum Guten oder zum Bösen, einmal werden wir einander gegenüberstehen und gutmachen oder empfangen. Wir alle verfluchen, wir alle haben Herzen gebrochen und raubten und folterten. Diejenigen, die die Sphären des Lichts erreicht haben, wissen dies alles. Kein Mensch kennt auf Erden sich selbst. Niemand hat das Recht, einen anderen zu verfluchen. Diejenigen, die auf Erden leben, werden das Irdische ablegen müssen. Auch diejenigen, die in der Finsternis leben, müssen gutmachen, denn wir alle folgen ein und demselben Weg, dem Weg der geistigen Entwicklung. Einmal sind wir alle zusammen. Einmal blicken wir auf die Vergangenheit zurück und sind Brüder und Schwestern im Geiste, und es geht immer weiter mit uns. Diejenigen also, die auf Erden im Besitz vielen stofflichen Glückes sind, werden es wieder verlieren, wenn ihre Vorfahren es gestohlen haben. Auf Erden ist alles dem Untergang unterworfen. Alles muss und wird sich verändern, kein Mensch kann das aufhalten. Kein Mensch auf Erden besitzt die Kraft, dies zu erfassen. Das sind Gesetze, nichts als Gesetze, Lantos. Kannst du dankbar sein, dass du in deiner Jugend fortgegangen bist? Kannst du das aus tiefstem Herzen sagen? Empfindest du das Verlangen, Gott dankbar zu sein? Weißt du, dass es eine Gnade ist, dies alles zu erschauen?
Ich durfte dir das alles zeigen, aber du wirst die Bedeutung der Vergangenheit nun spüren und verstehen. Und das alles werden wir der Menschheit bekannt machen. Ich warte auf dich, bis du in die Sphären des Lichts eingegangen sein wirst. Ich könnte fortfahren, dir Bilder aus meiner Jugend und viele andere zu zeigen, doch ich sagte dir bereits, das alles geht zu weit. Es geht mir allein darum, dir klarzumachen, dass alles wieder gutgemacht werden muss. Wenn der Vater raubt, und die Kinder vom Geraubten leben, wird der Vater doch einmal zur Erde zurückkehren, um sich auf sie einzustellen, ihnen zu helfen und zur Seite zu stehen, aber auf diese Weise, wie ich es nun tue. Doch Vater, Mutter und Kinder haben ihr eigenes Leben zu leben, und was sie daraus machen ist ihr eigener Wille.
Meine Sünden sind mir vergeben, in diesem Augenblick löst sich meine und deine Vergangenheit auf, und wir gehen in dieses Leben über. Die höheren Sphären stehen mir offen, doch ich bleibe bei dir und werde dir in allem zur Seite stehen. Du fährst fort, an dir zu arbeiten, und ich folge dir in allem.“
Darauf spürte ich, wie ein kräftiger Strom durch mich hindurchging, und eine Hand drückte liebevoll meine Schulter. Ich wusste, wessen Kraft und Hand es war. Mir sprangen die Tränen in die Augen. Zum ersten Male weinte ich, und ich spürte die Wärme von ihm, der mich lieb hatte. Ich wurde still und ich dachte lange nach. Unglaublich tief war alles, doch ich akzeptierte, denn ich hatte es gesehen. Ich hätte es nicht annehmen können, wenn es mir nicht deutlich gemacht worden wäre. Dem, der mich vernichtet hatte, konnte ich nunmehr vergeben und dankbar sein.
Wie hatte ich mich in diesem Augenblick, in jener kurzen Zeit verändert! Wahrheiten veränderten den Menschen binnen einer Sekunde. Dies waren Wahrheiten, die ich in mir fühlte. Hier war es mir gezeigt worden, und ich neigte mein Haupt. Ich danke dir, mein Vater. Doch ich werde dich weiterhin Meister nennen. Mein Vater aus längst vergangenen Zeiten war mein geistiger Leiter und Meister. Wie war es möglich, wie abgründig, wie unglaublich!
„Doch du musst annehmen, immer wieder nur annehmen, Lantos“, so sprach ich zu mit selbst. „Du kannst nichts anderes, und dem auch nicht entkommen.” Großartig war alles, was ich bis jetzt erlebt hatte. Ich begriff nun, dass Gott keine Gattungen von Menschen schuf, sondern dass der Mensch selbst aus sich eine fremde Gattung machte. Wie tierisch war der Mensch seit Jahrhunderten in seinen Leben! Noch war ich nicht glücklich und gehörte nicht zu denen, die in den leuchtenden Sphären lebten.
Nochmals dankte ich meinem Vater und fragte: „Wussten meine Eltern, dass sie von gestohlenem Geld lebten?“
„Ja, sie wussten davon, und auch du hättest es erfahren.“
„Müssen sie auf Erden Hunger leiden?“
„Nein, das geht zu weit, doch sie werden für ihr Brot hart arbeiten müssen.“
„Aber sag mir, Meister, wie kommt es, dass die Vergangenheit in der Seele des Menschen verborgen liegt und sie nichts davon wissen?“
„Weil der stoffliche Körper es nicht verarbeiten kann. Doch was der Mensch erfahren soll, das wird er bewusst erleben. Zum Beispiel deine Kunst.“
„Ja, ich verstehe und begreife dich.“
„All die anderen Lebenserfahrungen lösen sich in jenem Leben auf, weil man in jenem Leben die Bedeutung nicht annehmen kann und wird. Viele glauben nicht einmal, dass es ein Fortbestehen gibt, andere wiederum doch, aber es wird nur Einzelne geben, die die Vergangenheit annehmen können. Doch es liegt im Menschen, es liegt tief im Wesen verborgen. Hast du mir noch Fragen zu stellen?“
„Vielleicht, aber ich weiß jetzt nicht mehr, was ich dich fragen soll.“
„Nun denn, mein Junge, dann gehen wir weiter, ich habe dir noch mehr zu zeigen. Ich werde dich nun mit deinem vorletzten Leben verbinden. Du kehrst zurück an den Ort, wo du gelebt hast. Von dort aus gehen wir weiter.“
Ich kehrte zu mir selbst zurück, und die Erde war für mich wieder sichtbar. Noch einmal blickte ich auf all dies und ging fort. „Zurück zu deinem Atelier“, hörte ich ihn sagen, „dort beginnt unsere Nachforschung.“ Bald war ich an dem Ort angekommen und spürte auf der Stelle die mir bekannte Einwirkung. Im selben Augenblick wurde mein Atelier sichtbar, und ich sah wieder die Stücke und Brocken jener alten Skulptur. Nun spürte ich jedoch, dass ich mit der Ausstrahlung davon verbunden wurde. Dann wurde ich aufgehoben, und los ging es, dem Unbekannten entgegen. Ich schwebte wieder über der Erde und lernte, mich in raschem Tempo zu verbinden.
Es ging immer schneller, bis ich spürte, dass die Kräfte, die mich vorwärts trieben, nachließen, und ich hörte meinen geistigen Leiter sagen: „Wir sind da, wo ich sein wollte. Hier, Lantos, hast du dir dein Gefühl für die Kunst zu Eigen gemacht. Wir sind nun im alten Ägypten. Die Stadt, in der wir uns befinden, heißt Memphis. Vor Jahrhunderten blühte hier die Kunst. Du warst einer jener Meister. Du brachtest es zu einer beachtlichen Höhe und lebtest dich in den schönen Künsten gänzlich aus. Noch ist deine Kunst bewahrt geblieben. Man bewahrt deine Skulpturen in Palästen und Tempeln auf. Auch Marianne lebte hier. Du hast sie an diesem Ort kennen gelernt, und sie war deine Geliebte. Du aber brachtest Leid und Schmerz und stahlst einem anderen sein Glück. Du hast nun gebüßt und es gutgemacht. Sogleich werde ich dich mit deiner Kunst verbinden, wozu auch das gehört, was in deiner eigenen Wohnung zu Bruch ging. Du hast dich gefragt, auf welche Weise jene Skulptur zu dir gebracht wurde. Nun, das alles ist mein Werk, ich wollte es, und ich verband mich mit einem anderen Leben. Wenn wir für höhere Mächte Werk verrichten, wird uns auch in allem geholfen. Was ich tat war einfach. Ich legte meinen Willen in denjenigen, der nach Rom gehen würde, dass er eine deiner Skulpturen mitnehmen solle. Ich machte ihn wach für diese alte Kunst, was mir vollkommen gelang. Danach inspirierte ich ihn, sie zu dir zu bringen. Was weiter geschah, weißt du. Du solltest eine andere Skulptur fertigen, doch die alte ging zu Bruch. Ich wusste, dass dies geschehen würde. Aber meine Absicht war lediglich, dich mit dieser Kunst, welche du in der Vergangenheit zustande brachtest, zu verbinden. Später wirst du all diese Kräfte kennen lernen und annehmen, wie einfach es funktioniert und zustande zu bringen ist. Für dich sind es Wunder, und doch ist alles nur eine Frage der Konzentration. Aber ich will dir von einem anderen Wunder erzählen. Erschrick nicht, wenn ich dir mitteile dass derjenige, der diese Skulptur zu dir brachte, dein eigenes Kind war. Dein Kind stammt also aus dieser Zeit, aus diesem Leben, in dem du gelebt hast.“
„Was sagst du?“
„Dein eigenes Kind, du hörst mich deutlich.“
„Mit Marianne?“, fragte ich schnell.
„Nein, nicht sie. Du hast die Mutter deines Kindes verlassen.“
„Und Marianne?“
„Auch sie.“
„Warum, wenn ich fragen darf?“
„Weil du ein Verführer warst und sie eine Leichtsinnige war. Sie gab dir kein Kind. Sie besaß nicht das Gefühl, um jenes Reine und Herrliche zu empfangen. Ihr beide hattet nicht lieb. Was du als Liebe zu besitzen glaubtest, war nichts als Leidenschaft. Du hast auch sie verlassen, aber später bist du zurückgekehrt. Du suchtest weiter bis zu deinem letzten Leben auf Erden. Aber nun weißt du, dass sie die Deine ist.“
„Und dann?“
„Dann hast du dich in ihr Leben gedrängt und ihr Glück und das eines anderen zerstört.“
„Wessen Glück?“
„Das von Roni.“
Mein Gott, dachte ich, welche Wunder muss ich erfahren. „Woher weißt du das alles?“, fragte ich.
„Ich folgte dir schon seit vielen Jahrhunderten.“
„Lebtest du hier?“
„Ja, doch ich musste dir von dieser Seite aus folgen, und ich habe dieses Werk fortgesetzt.“
„Bin ich hier gestorben?“
„Ja.“
„Wo ist mein Kind, weißt du das auch?“
„In den Sphären des Lichts. Er ist nunmehr dein Bruder im Geiste.“
„Werde ich ihn wieder sehen?“
„Auch das wird geschehen, und viele andere.“
„Was ist denn die Absicht von all diesen Leben?“
„Indem du all diese Leben erfährst, wirst du die wahrhaftige Liebe kennen lernen. Was du zu lernen hast, ist die Schwester- und Bruderliebe. Sie alle, die wir kennen und gekannt haben, sind unsere Schwestern und Brüder im Geiste. Es geht schließlich nicht anders.“
„Kehrt mein Kind zurück?“
„Nein, es geht weiter, wie alle anderen, die bereits dorthin gekommen sind.“
„Mein Meister und Vater, wer du auch bist, ich nehme alles an, aber wie soll der Mensch auf Erden dies annehmen können?“
„Sie müssen es spüren, richtig erleben, sonst ist es nicht möglich. Doch wir werden viele, sehr viele erreichen. Es ist Gottes Wille, dass dies geschieht.“
„Ich will mich dir hingeben, denn ich verstehe und nehme alles an und sehe, dass es die Wahrheit ist. Ich bin dir ganz, ganz innig dankbar und ich verspreche dir heilig, dass ich mich gänzlich geben werde.“
„Ich danke dir, Lantos. Wisse, dass ich dir die heilige Wahrheit zeige und deutlich mache. Wenn du das alles nicht annehmen könntest, müsste ich aufhören und warten, bis du so weit gekommen bist, bis du bereit bist, mir abermals zu folgen und mir zu lauschen.“
„Nein“, sagte ich, „das tue ich nicht, bleib bei mir, ich bin bereit.“
„Fabelhaft, dann fahren wir fort und werden unser Ziel erreichen.“
„Wenn Marianne auf Erden ist, können wir sie dann besuchen?“
„Du wirst sie wieder sehen, doch später, wenn die Zeit gekommen ist. Hast du noch Fragen zu stellen?“
„Nein.“
„Nun denn, dann werden wir uns verbinden.“
Ich spürte nun, dass ich gänzlich überging und in den Straßen von Memphis wandelte. Es war wunderlich, denn ich fühlte mich, als wenn ich nie von hier fort gewesen wäre und noch dort lebte. Mein voriges Leben kehrte in mich zurück, ich ging bewusst darin über. Wie groß waren geistige Kräfte! Ich betrat einen prächtigen Palast. Vor mir sah ich schöne Kunst, und sollte ich diese Kunst die meine nennen können? Ich musste dies annehmen, denn ich war damit verbunden und spürte mich in den steinernen Skulpturen. Nichts könnte mir deutlicher zeigen, dass ich in Wahrheit damit zu tun hatte. Wie abgründig war alles! Meine Kunst war merkwürdig schön. In Rom hatte ich diese Höhe nicht erreichen können. Erst nun wusste ich es, da ich es spürte und wahrnahm. In jenem Leben, ich begriff es, hatte ich mich ausgelebt. Da kniete ich nieder und dankte Gott für alles, was ich bis jetzt empfangen hatte. Ich schickte mein erstes Gebet in kindlicher Einfalt zu Gott hinauf. Ich dankte Gott lange. Hier hatte ich gelebt und mir meine Kunst zu Eigen gemacht. Tief, sehr tief war der Mensch. Ich stieg immer tiefer in mein eigenes Leben hinab, und noch sollte ich die tiefsten Seelengeheimnisse nicht wahrnehmen können, denn es gab kein Ende. Auch begriff ich nun, dass dies genug war, um es annehmen zu können. Ich fragte den Meister: „Wer war mein Lehrmeister, weißt du das?“
„Du hattest viele.“
„Wo lebte Marianne?“
„Willst du dorthin?“
„Gerne“, sagte ich, „wenn das möglich ist.“
„Auch das ist möglich, folge mir.“
Ich nahm Emschor weiterhin wie in einen Schleier gehüllt wahr, doch ich wusste, dass er es war, der mich führte. Plötzlich hielt er mich an und sagte: „Siehst du dort vor dir das Wasser?“
„Ja“, sagte ich.
„Das ist der Nil. Wir gehen jedoch weiter, komm, folge mir.“
Eine Zeit lang gingen wir weiter. Erneut blieb er stehen und sagte: „Siehst du das Gebäude vor dir?“
„Ja“, sagte ich, „deutlich.“
„Du siehst, was ich sehe, du fühlst, was ich fühle, doch alles ist einmal erlebt worden, ist also Wirklichkeit. Dieses Gebäude ist viele Jahrhunderte alt.“
Nun sah ich ein prächtiges Gebäude vor mir. Seltsame Figuren zierten das Ganze und links und rechts sah ich die Sphinx. Im selben Augenblick trat ein Wesen durch die Pforte ein und ging zum Eingang des Gebäudes. Ich kannte diesen Gang und die ganze Erscheinung. Sah ich richtig? Fühlte ich es deutlich? War diejenige, die ich wahrnahm und fühlte, Marianne? Da hörte ich, wie mein Meister zu mir sagte: „Sie ist es, Marianne.“
Mein Gott, wie großartig ist dieses Bild! Sie in einem anderen Körper zu sehen! Doch nun spürte ich, wie ihre ganze Persönlichkeit in mich kam. Es war wundersam. So hatte ich sie in meinem Kerker gefühlt. Ja, sie war es. Mein Gefühl betrog mich nicht. Hierfür wollte ich mein Leben geben. Tränen wallten in mir auf, doch ich beherrschte mich. Meine Liebe zu ihr war tief, denn nun war mein Gefühl bewusst. Ach, welch ein großer Schatz, welch ein Glück, bewusst lieb zu haben! Sie war in diesem Leben eine ganz andere Persönlichkeit, und doch spürte ich an irgendetwas, dass sie es war. Ihre Liebe, jenes Gefühl war nicht zu leugnen, daran erkannte ich sie. Wie schön war ihre Figur!
Ich folgte ihr hinein. Einige Diener warteten auf sie. Nun betrat sie ein großes Gemach und wurde von einem anderen Wesen empfangen. Ich spürte nun, dass ich tiefer versank, und ich verstand jenes Gefühl, denn der Meister war dabei, mich noch tiefer zu verbinden. Das Wesen, das sie erwartete, erkannte ich sofort. Es war Roni, mein Freund. Welch ein Problem! Um ihn herum sah ich viel Besitz. Nun verstand ich die Verbindung mit ihr und ihm, und ich begriff, dass ich zwischen ihnen beiden stand. Aber wie war das möglich? Ich ergründete aufs Neue und fühlte die Reinheit meiner Wahrnehmung. Nun hörte ich sie sprechen. „Er spürt und weiß, dass er betrogen wird“, dachte ich. Dann sah ich ein Ereignis aus der Vergangenheit. Es war wunderbar. Danach verschwamm das Bild, und ich hörte den Meister sagen: „Er war mit ihr verheiratet und du warst ihr Liebhaber. Komm, folge mir.“
Wir kehrten zu den Ufern des Nils zurück. Was zur Erde gehörte, verschwamm. Ich sank, bis ich spürte, dass ich mit meinem eigenen Leben verbunden wurde. Vor mir sah ich zwei Wesen, zwei Verliebte, und ich erkannte sie auf der Stelle. Es waren Marianne und ich. Schlank und schön war ich, sie wie eine Tigerin und nicht zu ergründen. Wir beide waren falsch und gemein. Hier sah ich die Wahrheit, und mir wurden ungeheure Probleme deutlich gemacht. Ich folgte den beiden, und ich spürte den inneren Zustand von mir selbst, doch auch von Marianne. In nichts hatten wir irgendeinen Besitz. Wir waren geistig arm, doch wir hatten lieb, innig lieb; aber diese Liebe war Leidenschaft, nichts als Leidenschaft. Sie war nicht ehrlich, aber ich auch nicht. „Ihr beide wart leichtsinnig“, hörte ich den Meister sagen, und ich akzeptierte. Hier spürte und sah ich, dass er die Wahrheit sprach. Dies war nicht Liebhaben, sondern grober Egoismus. „Merkwürdig“, sagte ich zum Meister, „äußerst merkwürdig.“
„Ich sagte dir doch, dass du Wunder erleben würdest? Diese Wunder kannst du nur annehmen, weil du sie wahrnimmst. Du musst es fühlen, sonst hat alles keinen Sinn, dann suchst du weiter. Dies sei genug für dich.“
„Ich nehme es an“, sagte ich, „ich kann nicht anders. Ich danke Gott und auch dir. Ich will mein Bestes geben, sag mir was du wünschst.“
„Spürst du diese Gnade, Lantos, die Gott dir und mir gewährt? Erwache, mehr habe ich dir nicht zu sagen.“
Durch das alles wurde ich still. An dem Ort, wo ich mit Marianne vor Jahrhunderten wandelte, kniete ich nieder und betete inbrünstig, und mein Gebet erhielt mehr und mehr Kraft. Wie ein Kind betete ich zu meinem Vater, und an diesem Ort bat ich Gott, meine Liebe nicht zu brechen. Ich spürte, dass ich wahrhaftig lieb gewann, und ich wollte diese innerliche Kraft behalten. Einmal würde mir diese große und heilige Liebe gegeben werden, und dafür würde ich mich anstrengen. Ich fühlte mich nun aufgeheitert. Mein Meister war in sein eigenes Leben zurückgekehrt, doch ich fühlte ihn dicht neben mir und ich wusste, dass er weiterhin wachen und mir folgen würde.
„Komm“, hörte ich ihn sagen, „mein Lantos, wir gehen weiter, ich habe dir noch mehr zu zeigen.“