Der Mensch auf Erden aus diesem Leben gesehen

Ich konzentrierte mich wieder auf die Erde, und sofort wurde die stoffliche Welt für mich sichtbar. Dieser armen Frau wollte ich nun nicht länger folgen, ich würde sie nur stören. „Leb wohl“, so sagte ich zu ihr, „leb wohl, du Unglückliche! Vielleicht werden wir uns einmal begegnen.” Doch die Ewigkeit ist eine große Weite, also würde auch jenes Wiedersehen ein Wunder bedeuten. 

Vor mir lag eine Stadt, und nun sah ich Menschen, überall irdische Menschen. Wohin ich auch sah, da war Leben zu sehen. Endlich war ich dann wieder in der bewohnbaren Welt und bald in das Gewühl aufgenommen. Wie anders sah ich die Erde, als da ich noch in meinem Stoffkörper lebte. Alles lag da wie in einen Schleier gehüllt, aber die Menschen und Gebäude und was zur Erde gehörte, sah ich deutlich. Ich irrte durch die Straßen, doch mich auf einen Punkt zu konzentrieren, war mir nicht möglich, dieser Übergang war zu heftig. Ich sah zu viel und musste dieses Leben zunächst durch mich gehen lassen. Jetzt, da ich hier eingetreten war, begriff ich, dass diese Frau nicht mehr lange in jener Einsamkeit würde bleiben müssen. Sie ging bereits in dieses Leben über, und dieses Leben würde bald für sie sichtbar werden. Auch sie würde nichts anderes als verwundert sein. Ich meinte diese Stadt zu kennen, denn ich sah Dinge, die ich auch früher gekannt hatte. Doch es hatte sich vieles verändert, und trotzdem erkannte ich alles. Wenn ich mich richtig eingestellt hatte, dann befand ich mich in der Stadt, wo ich gelebt hatte. Meine Gedanken hatten mich hierhin zurückgeführt. Ich sah Menschen, die noch auf Erden lebten und auch astrale Menschen. Durch einen Menschen ging ich hindurch, aber mit dem anderen stieß ich zusammen, wenn ich an ihn dachte. Alle astralen Menschen waren irdisch gekleidet, also hatte ich dieses Rätsel gelöst. Dies war die Wahrheit, und ich bildete mir nichts ein. Ich konnte den irdischen vom astralen Menschen deutlich unterscheiden. Der irdische Mensch war dichter und der astrale verschwommen. Doch sie waren so, als lebten sie noch auf Erden. Ich verstand nicht, dass man so wenig von diesem Leben wusste, denn schließlich waren sie deutlich zu sehen. Der irdische Mensch spazierte durch mich hindurch, und davon spürte und sah er nichts. Ich stand in ihm, und trotzdem fühlte er mich nicht. Der Mensch war sich eines anderen Lebens nicht bewusst. Um den irdischen Menschen lag ein dichter Schleier, der den Menschen wie eine geistige Mauer gefangen hielt. Was dies zu bedeuten hatte, begriff ich noch nicht, aber daran erkannte ich den Stoffmenschen. Dann wieder sah ich irdische Menschen als Schemen und andere wiederum sehr grob. Diese konnte ich am deutlichsten wahrnehmen, und sie waren auch am einfachsten zu erreichen. Ich spürte, dass ich in ihr Leben übergehen konnte, wenn ich nur an sie dachte. Doch ich musste mich sauber auf sie einstellen, sonst geschah nichts. 

Es war doch wohl ein großartiges Wunder, dass ich an den Ort zurückgekehrt war, wo ich gelebt hatte. Ich wollte alles über dieses Leben wissen und sehen, dass ich es mir zu Eigen machte. Daher beschloss ich allein zu bleiben und mich um niemand anderen zu kümmern. Es war auch merkwürdig zu sehen, wie ein jeder seinem eigenen Weg folgte. Die irdischen und die astralen Menschen lebten zusammen, und das war der Tod und das ewige Leben. Tod und Leben waren für den irdischen Menschen zwei Probleme, doch nun sah und spürte ich, dass es nur Leben bedeutete. Es gab keinen Tod! 

Der irdische Mensch wurde vom Menschen, der gestorben war, verfolgt und heimlich beobachtet. Ob sie Gutes oder Böses taten, das wusste ich nicht. Doch der astrale Mensch arbeitete in aller Stille einen Plan aus, was ich deutlich spürte und wahrnahm, und jenen Plan erlebte er zusammen mit dem Menschen auf Erden. Ich spürte dies, weil ich sie so zusammen weitergehen sah. 

Es war sehr merkwürdig, dies von dieser Seite zu sehen. Wenn ich mich tiefer einstellte, vernahm ich wieder jenen heulenden Lärm, der Leidenschaft und Gewalt bedeutete. Konzentrierte ich mich wieder auf den Menschen, dann war es, als fühlte ich Verrat, der in mich kam. Hier drohte Gefahr, hier hieß es aufzupassen. Das Leben, das ich wahrnahm, wirkte beängstigend und beklemmend auf mich. Ich begriff nun, dass die Erde eine Hölle war. 

Der irdische Mensch lebte, ohne es zu wissen, in einer geistigen Hölle. Das war mir ganz klar. Jene Hölle lag in ihm und um ihn herum, denn innerlich herrschte in ihm Finsternis. Jetzt, wo ich jene Schemen gesehen hatte, begriff ich, dass diejenigen, die darin lebten, in einer anderen Hölle waren als der gröbere Mensch. Aus denen, die so unheimlich deutlich zu sehen waren, strahlte mir Angst und Schrecken entgegen. Nun fing ich an, jene Angst zu verstehen, denn vor jenen Wesen musste ich auf der Hut sein. Auch hatte ich bereits astrale Menschen gesehen, die eher einem Tier als einem Menschen glichen. Es war beängstigend zu sehen, wie sie so weitergingen. Das waren keine Menschen mehr. Dieser Name gehörte nicht zu ihnen, sie hatten das Menschliche abgelegt. Waren jene Menschen ins Tierische übergegangen? Es musste wohl so sein, denn sie waren schrecklich. Ich meinte in ihnen Dämonen zu sehen, da ein grünes zuckendes Licht um sie herum lag. Es kam aus ihrem Inneren, was ich deutlich sah. Jenes grünliche Licht war genauso wie das derer, die mich hierher gelockt hatten. Ich würde sie peinlich beobachten und vor ihnen aufpassen. Mit jenen Menschen wollte ich nichts zu tun haben. Wenn ich ihnen folgte, dann fühlte ich Leidenschaft, Lug und Betrug. Aber das Wunderlichste von allem war, dass ich für jene Menschen unsichtbar war. Sie spürten mich nicht, und es war ihnen nicht möglich mich zu sehen. Als ich dies erfuhr, wagte ich mich näher an sie heran. Aber o, wie tierisch waren diese Menschen, ich könnte sie nicht beschreiben. Sie waren wie vortierische Monster, ihre Hände waren wie Klauen, und solch eine Bestie lebte auf Erden. Ich folgte jenem Tier nicht weiter, denn ich spürte, dass ich auf Erden sehr vorsichtig sein musste. Ich musste auf verschiedene Dinge achten. Welche Gefahr mir drohte, wusste ich nicht, aber was ich spürte bedeutete nicht viel Gutes. 

Deshalb folgte ich meinem eigenen Weg. Einst würde eine Zeit kommen, da ich mir das zu Eigen machen würde, da ich die Menschen kennen lernen wollte, doch nun waren andere Gedanken in mir. Ich fühlte mein eigenes Leben, und darüber wollte ich alles wissen und ruhig in dieses Leben übergehen. Nun würde ich viele emotionale Situationen noch nicht verarbeiten können. Es war schon auffallend, dass meine eigenen Gedanken und Gefühle mich in diese Richtung trieben. Es gab etwas, was mich dorthin lenkte, also würde ich der Stimme meines Herzens folgen. Es war etwas in mir und um mich herum, das ich sehr innig fühlte, das aber dennoch unsichtbar für mich war. 

Wurde ich in eine bestimmte Richtung gelenkt? Ich würde mal abwarten und gut auf alles achten. 

In diesem Augenblick spürte ich, dass all meine Fragen, die ich in meinem Leben auf Erden gestellt hatte, in mich zurückkehrten. Dann hatte ich soeben doch richtig und klar empfunden. Das trieb mich an, und dem ergab ich mich gänzlich. Ich würde sehen, dass ich all die irdischen Fragen selbst und durch mich lösen würde. Lange dachte ich über all dies nach und ich fühlte etwas ganz Besonderes. 

Jetzt, wo ich hierher zurückgekehrt war, fühlte ich mich wie in jener Zeit, als ich noch auf Erden lebte. Diese Gefühle standen also mit all meinen Fragen im Zusammenhang. Auch in jener Zeit lebte ich abgesondert; und auch nun kehrte jener Drang in mich zurück. Ich war derselbe, ganz und in allem derselbe. „Dieses Leben ist doch seltsam“, sagte ich immer und immer wieder. Je mehr ich an all dies dachte, desto mehr kehrten all meine Eigenschaften von früher in mich zurück. Auch begriff ich nun, dass das, worin ich lebte, meine Hölle war. Es war nicht so finster, und ich sah mehr Licht, als da ich in diese Welt einging. Ich hatte nichts verloren, aber auch nichts empfangen, ich war so, wie ich in jener Zeit auf Erden lebte. Auch in jener Zeit hatte ich nicht das Bedürfnis, Menschen zu begegnen, und darüber wunderte ich mich sehr. Bevor ich hier eintrat, sehnte ich mich danach, Menschen zu sehen und ihnen zu begegnen und wollte mich amüsieren, doch jene Sehnsüchte waren auf einmal erstickt. Als ich in meiner Zelle war, brannte es in mir, Leben zu sehen. Nun sah ich Leben, lebte darin, um mich herum waren Menschen, und trotzdem sagte es mir nichts. Ich begriff, wie natürlich dieses Leben war, weil ich es fühlte und erlebte. Hier konnte man nicht anders sein als man war und innerlich fühlte. Damals war ich in einem unnatürlichen Zustand, und nun war ich wieder natürlich. Ich hatte mich selbst in Disharmonie gebracht, und jene disharmonischen Gefühle lösten sich auf, hatte ich erfahren, sodass ich in mein eigenes Leben zurückkehrte. „Wunderbar, wunderbar ist dieses Leben“. Dies wiederholte ich immer wieder, denn es waren Wunder. Es war großartig, da mein eigenes Leben mich wieder in Harmonie brachte. Aber trotzdem war ich in Disharmonie mit dem Ganzen, mit dem Mächtigen, mit Gott, denn ich lebte in einer Hölle, und das bedeutete Disharmonie. Ich empfand eine tiefe Ehrfurcht vor dem Schöpfer von all dem. Er, der in all den Höllen die Harmonie behalten konnte, war für mich mächtig. Hier regelte sich alles von selbst. Weil ich Leben war und Leben bedeutete, konnte es sich in mir offenbaren, und ich erfuhr dies alles, all jene Wunder und Probleme gingen durch mich hindurch und lösten sich in mir auf. Ich fing an, mich gegenüber Ihm, jenem unbegreiflichen Gott, dankbar zu fühlen. 

Die Häuser, Gebäude und Tempel waren in einen Schleier gehüllt, doch ich sah sie deutlich. Durch die Wände ging ich hindurch, nichts konnte mich daran hindern, ich ging ein und aus, denn hier war für mich nichts mehr geschlossen. Auch das war an sich ein Wunder, und ich wiederholte dieses Ein-und-aus-Gehen verschiedene Male, was ich amüsant fand. Ich befand mich in und bei den Menschen, trotzdem sahen sie mich nicht und hörten mich ebenso wenig. Ich hörte, wie sie zu anderen Menschen sprachen und verstand jedes Wort. Doch ich machte wiederum eine neue Erfahrung. Bei manchen Menschen war es, als ob sie ganz weit von mir weg waren, und dennoch waren sie dicht bei mir. Diesen Menschen konnte ich nicht deutlich folgen, und ich glaubte zu verstehen, was dies zu bedeuten hatte. Ihre Gestalt war unsichtbar für mich, andere wiederum waren Schemen, wieder andere sehr grob, und diese konnte ich am deutlichsten hören. Auch auf der Straße war mir dies klar geworden. Ich sah jene Schemen vor mir, und sie führten ein Gespräch, und jenes Gespräch von einem Menschen zum andern war eigenartig. Ich musste mich mit dem einen, dem am deutlichsten wahrnehmbaren Menschen, verbinden, wollte ich ihrem Gespräch folgen können. Die Bedeutung, die ich spürte, war diese: Manche besaßen eine bessere Mentalität als ich, sie standen über mir. Die anderen waren schlechter oder hatten keinen Besitz. Wie dem auch sei, ich spürte, dass hierin die Bedeutung für dieses Geschehen lag. 

Ich sagte bereits, dass ich in ein Haus hinein- und aus dem anderen wieder hinausging, aber ich hörte damit auf, denn ich wollte meinem eigenen Leben folgen. Auf die Straße gekommen – denn ich empfand die Welt so, als da ich dort lebte – hörte ich einen furchtbaren Lärm und zwischendurch Geschrei. Als ich mich konzentrierte, spürte ich was los war. An der Ecke einer Straße strömten viele Menschen auseinander. Diese Menschen wurden angegriffen. Ich sah, dass sie Kreuze und Heiligenbilder trugen und begriff, was dies alles zu bedeuten hatte. Sie wurden von den Heiden auseinander getrieben. Das Blut der Christen strömte über die Straße, und sie hatten das Furcht erregende Geschrei, das ich hörte, angestimmt. „Wie immer“, dachte ich, „der Mensch änderte sich nicht.” Jetzt, wo ich anfing, mein eigenes Leben zu verstehen und das ewige Leben für mich deutlich wurde, fand ich dieses Geschehen noch schrecklicher, als zu der Zeit, da ich dort lebte. Das war doch nicht nötig! Ritter sausten auf die Christen zu und jagten sie auseinander. Auch die Christen wehrten sich, sodass links und rechts Tote um mich herum lagen. 

Vor mir sah ich eine seltsame Szene. Woher die astralen Menschen so schnell gekommen waren, begriff ich nicht, doch ich sah, dass Geister die losgekommenen Menschen wegführten, die schlagartig hier eintraten. Ein merkwürdiges Geschehen war das für mich. Als mir so richtig bewusst wurde, was geschehen war, war die Stille wieder eingetreten. Christen und Heiden waren ihren eigenen Weg gegangen. Es war ein kurzes und heftiges Gefecht, mit einigen Toten und Verwundeten als Resultat. Das alles geschah für den Glauben. Die astralen Menschen lösten sich vor meinen Augen auf. Das Einzige, was von ihnen übrig geblieben war, war die mit Christenblut befleckte Straße, denn es waren Menschen vernichtet worden. Man tötete für den Glauben, dafür schlug man diese Menschen nieder. Heiden gegen Gläubige, und beide waren sich nicht bewusst, was sie taten. 

Warum eigentlich dieser Hass? Warum hieß das Oberhaupt der Kirche dies gut? Man provozierte die Heiden, und nun waren sie Feuer und Flamme. Lange dachte ich hierüber aber nicht nach und ging weiter. 

Als ich mich mit anderen Menschen verband, hörte ich, dass sie dieses Geschehen erörterten. Ihre Meinungen waren verschieden. Einer war dafür, ein anderer dagegen. Doch als ich ihr Gespräch weiter verfolge, stellte ich fest, dass seit der Zeit, da ich gestorben war, große Dinge geschehen waren. Ich hörte sie sagen: „Er folgt Sergius“. „Sergius“, dachte ich, „der war zu meiner Zeit das Oberhaupt der Kirche.” Gab es nun ein anderes? Ich wartete ab und lauschte, was sie noch mehr zu sagen hatten. Doch ihr Gespräch bekam eine andere Wendung, und ich entfernte mich. Ich wollte mich aber mit anderen Menschen verbinden, denn ich wollte wissen, was dies zu bedeuten hatte. In einer anderen Straße angekommen, stieß ich abermals auf eine Schar. Doch wieder stürzten Reiter auf die Menschen zu und überritten sie. Ihr Wehklagen drang zu mir in diese Welt durch, und womöglich ging es höher und höher, bis es Gott erreichte. Was Gott hiervon halten würde, wusste ich nicht, doch ich fand es furchtbar. 

„Tötet Honorius“, hörte ich sie von allen Seiten rufen. „Tötet Honorius und verflucht sei sein Gott.” – „Verflucht sei er“, hörte ich wieder. Ich verband mich mit den irdischen Menschen, und ich spürte in welcher Zeit sie lebten. Wie war dies möglich? Fühlte ich es wohl klar und deutlich? Sollte ein Jahrhundert vergangen sein? Es war fast unmöglich, und dennoch fühlte ich es deutlich. 

Als ich Kind war, sprach man über Benediktus, Johannes und Leo, nun über Honorius. Nochmals versuchte ich, mich innig mit ihnen zu verbinden. Es konnte nicht anders sein, es war ein Jahrhundert vergangen. Aber wie konnte das sein? Was war denn mit mir geschehen? Ich war in einem Kerker eingesperrt, hatte meinem Leben ein Ende gemacht, den Verwesungsprozess erfahren und war danach eingeschlafen. Nach meinem Erwachen hatte ich eine lange Zeit in der Stille gelebt. Hatte das ein Jahrhundert gedauert? Lag ein Jahrhundert zwischen mir und der Vergangenheit? Ich konnte dies nicht akzeptieren und doch, als ich mich nochmals verband und gänzlich in ihr Leben überging, musste ich es wohl annehmen. Begreifen tat ich es jedoch nicht, und ich beschloss abzuwarten. Wieder hatte ich etwas Seltsames erfahren, aber wunderbar konnte ich es nicht finden. Einst würde ich schon dahinter kommen; hier, ich spürte es, blieb für mich alles dunkel. Ich musste versuchen, es in meinem eigenen Leben zu finden. Es stand mit mir im Zusammenhang, und das Rätsel hatte man an dieser Seite zu lösen. Dies gehörte zum geistigen Leben, doch das Geschehen zum irdischen. Ich fand es traurig, dass der Mensch sich selbst vernichtete, und das für den Glauben, für Gott. Sollte das die Absicht Gottes sein? Das kam mir unwahrscheinlich vor. 

Ich setzte meinen Weg fort und würde versuchen, meine eigene Wohnung wieder zu finden, ich wollte wissen, was von meiner Wohnung übrig geblieben war. Aber wenn ich alles, was ich soeben wahrgenommen hatte, annehmen musste, dann lebte Marianne an dieser Seite, dann war auch sie tot und waren die ersten Gefühle klar und richtig. Aber wo war sie dann? Ich wurde sehr neugierig und wollte alles wissen, von meiner Jugend an, wenn das zumindest möglich war. Wohin ich auch kam, überall wurde gekämpft. Ich hätte mich niemals daran beteiligt, denn auf Erden lebte ich nur für meine Kunst. Doch ich hatte einen Glauben annehmen müssen, sonst hätten sie mich früher oder später eingesperrt. Schon im tiefsten Altertum wurde gekämpft, und noch hatte sich der Mensch nicht verändert. 

Ich folgte der Stimme meines Herzens und ging weiter in die Richtung, wo ich früher wohnte. Tatsächlich, ich erkannte viele Dinge, die früher auch da waren. Ich wohnte dicht bei der Mauer von Rom, in einem der schönsten Teile der Stadt. Meine eigenen Gedanken führten mich wieder an jenen Ort zurück. Ich sah vieles, was sich verändert hatte, aber ich konnte mich noch genügend orientieren. Je dichter ich mich meiner Wohnung näherte, desto heftiger fühlte ich mein Herz klopfen. Es war so, als erwartete mich etwas Fremdes. Endlich war ich an dem Ort angekommen, wo ich gelebt hatte. Hier hatte ich Roni getötet und meine Marianne getroffen. 

Aber was war das? Alles war dem Erdboden gleichgemacht, von meiner Wohnung war nichts mehr zu sehen. Das war eine große Enttäuschung für mich, denn daran hatte ich nicht gedacht. War ich vielleicht am falschen Ort? Ich konzentrierte mich auf meinen vorigen Besitz, aber nein, es war richtig, hier hatte ich gelebt. Ich begriff jedoch nichts davon und setzte mich nieder, um über alles nachzudenken. Es war gerade so, als hatte man diese ganze Umgebung umgekrempelt. Sogar die Natur hatte sich verändert. Durch diese Enttäuschung fühlte ich einen stechenden Schmerz in meinem Herzen. Und jetzt, da ich dies alles akzeptieren musste, war ich sehr traurig gestimmt. 

Wo war Marianne? Sie lebte an dieser Seite und trotzdem war sie nicht zu mir gekommen. „Marianne, mein Kind, bist du tot? Lebst du in einer anderen Hölle oder gehörst du zu den Glücklichen? Bist du in einen Himmel gekommen?“ Sollte sie einen Himmel besitzen? War sie so weit von mir entfernt? Das schien mir zu unwahrscheinlich, zu unnatürlich. Aber sie war tot, denn so alt würde sie nicht geworden sein. 

„Warum bist du nicht zu mir gekommen, hast du mich nicht lieb? Kannst du den Weg zu mir nicht finden?” – All diese Fragen kamen in mir auf. Nein, hiermit hatte ich nicht gerechnet. Von meinem irdischen Leben war nichts mehr übrig, mein Leben dort war umsonst gewesen. Sollte Emschor wissen, wo Marianne in diesem Augenblick weilte? Wer würde mir dieses Rätsel aufhellen können? Dies war ein gewaltiges Problem, das ich nicht lösen konnte, das für mich unbegreiflich war, denn ich spürte, dass ich mit Gesetzen in Konflikt kam, die ich nicht kannte und auch nicht verstand. Doch ich wollte ganz ich selbst bleiben, wie traurig ich mich auch fühlte, ich würde meinen Kopf nicht verlieren. Aber wo Marianne sich auch befinden würde, wenn sie auch in der tiefsten Hölle war, ich würde sie aufsuchen und bei ihr bleiben, sie nicht mehr alleine lassen. Die Liebe lebte in mir und ich war bereit zu ihr zu gehen, denn ich hatte sie lieb, wirklich lieb. Ich würde kein anderes Wesen lieb haben können. 

Als ich so dasaß und nachdachte, spürte ich, dass eine andere Kraft in mich kam. Sie war stärker als ich, sie ging in mein Gefühl über, denn Veränderungen, die sich in mir offenbarten, spürte ich sofort. Ich fühlte, dass ich müde und schläfrig wurde, es geschah etwas mit mir. Was war das? Die Erde verschwand vor meinen Augen, und ich spürte, dass ich mit einer anderen Welt verbunden wurde. Dort unter mir bewegte sich etwas, etwas fing an Formen anzunehmen. Sah ich richtig? War das mein Atelier? Sah ich in die Vergangenheit? Von meiner Wohnung und allem, was ich das Meine nennen durfte, war nichts mehr zu sehen. Nun jedoch fing ich an, die Vergangenheit wahrzunehmen. Ich sah mich selbst und auch, dass ich angefangen hatte, an der Skulptur von Marianne zu arbeiten. Es war zu dem Zeitpunkt, da die alte Skulptur in Stücke gegangen war und meine Inspiration gestört hatte. Ich wusste das alles noch sehr gut, und damit wurde ich nun verbunden. Die Vergangenheit offenbarte sich mir. Aber was bedeutete dies alles? Wachte oder träumte ich? Ich betastete mich selbst, aber nein, ich war hellwach. Doch hier geschah etwas Merkwürdiges, was ich noch nicht begriff. Ich sah den Augenblick vor mir, als ich die Stücke und Brocken aufsammelte, um wieder zu arbeiten und mich ausreichend bewegen zu können. Wundersam war das, was ich nun wahrnahm. Auch nun spürte ich den gewaltigen Schlag, und mit jenem Schlag ging die Skulptur in Scherben. Aber ich sah noch mehr! 

Aus jenen Stücken und Brocken strahlte mir ein zuckendes grünes Licht entgegen, das ich in meinem Leben auf Erden in dem Augenblick gesehen hatte, als ich Roni niederschmetterte. War ich zu jener Zeit von finsteren Mächten umgeben und wurde von ihnen beeinflusst? Ich musste mich nun mit all meinen Kräften anstrengen, wollte ich mich beherrschen können. Nun wurde ich ein wenig ruhiger. Auch darin wurde mir geholfen, denn es war großartig, was ich wahrnahm. Die Kraft, die mir dies alles zeigte, bewahrte mich zugleich vor dem Zusammenbrechen. Jene Kraft, ich spürte dies deutlich, lenkte dies alles und auch mich. 

Durch wen erlebte ich dies? Wer besaß die Kraft, mich mit der Vergangenheit zu verbinden? War es Emschor? Ich spürte nun, dass jene ungeheuren Einflüsse soeben mein eigenes Denken vernichtet hatten, und wenn jene andere Kraft mir nicht geholfen hätte, wäre ich zusammengebrochen. 

Wer hatte mir jene Skulptur auch wieder gebracht und den Auftrag dazu gegeben? Ach ja, es war ein junger schlanker Mann, ein Ägypter. Als ich hierüber nachdachte, veränderte sich die Vision, und ich bekam eine andere. Ich erlebte den Augenblick, da jener Fremde diese Skulptur zu mir brachte, aufs Neue, ich erkannte ihn deutlich. Auch jene Vision ging vorüber. Ich glaubte in dem zuckenden grünen Licht eine Kraft aus meinem Kerker zu erkennen. Die Dämonen hatten sich mir in jenem Licht gezeigt, und auch das begriff ich nun vollkommen. Ich spürte dadurch, dass man meinen Wegen gefolgt war und dass dies alles geschehen sollte. Dazu gehörten der Tod meines Freundes und viele andere Dinge und Geschehnisse, die mir noch nicht klar waren. Auch die Angst und das Fieber, das ich damals verspürte, gehörten dazu. Neue Probleme häuften sich auf, doch viele davon erfuhr ich aufs Neue. Womöglich würde mir alles klargemacht werden. Dieser Dämon hatte mich vernichtet, ich war schon damals mit ihm in Verbindung gewesen. Das stand nun für mich fest, und ich musste es akzeptieren. Die Einflüsse jener schrecklichen Wesen hafteten noch an den Stücken und Brocken. Dieses Licht, das teuflisch war, und das aus meinem Kerker waren ein und derselbe Einfluss. Doch ich musste nun ruhig bleiben, sonst kam ich nicht weiter. Wie falsch waren jene Kräfte, wie gemein, dass sie dies zustande bringen konnten! Oder hatte dies eine andere Bedeutung? Ich spürte allerdings, dass alles mit diesen Dämonen zu tun hatte. 

Die Skulptur war von einem seiner Angehörigen, der längst gestorben war. Sie hatte den ägyptischen und hellenischen Stil. Ich spürte immer mehr, ein Gefühl folgte dem anderen. Doch was nun in mich kam, war nahezu unglaublich. Ich spürte nämlich, dass ich mit jener Skulptur etwas zu tun hatte, denn ich sah mich selbst in jene Skulptur übergehen. In jenem alten Stil spürte ich mich selbst. Meine ersten Lehrmeister hatten mir jenen Stil abgewöhnen müssen, und sie verstanden nicht, wie ich dazu kam. Aber wenn es Wahrheit enthalten sollte, vielleicht wurde dann für mich das Rätsel gelöst, woher mein Gefühl für die Kunst kam, das ich schon in meiner Jugend besaß. Ich stand nun vor einem großen menschlichen Problem, das ich noch nicht begriff, doch das mich mein ganzes voriges Leben beschäftigt hatte. O, wenn sich das Rätsel einmal für mich lösen würde, das würde mich sehr glücklich machen. Wie der Ägypter sie hierher gebracht hatte, auch das war für mich ein Rätsel. Wie kam er an dieses alte Kunstwerk? Mein Gefühl für Kunst, dieser alte Stil und diese Skulptur, in der ich mich selbst sah und spürte, waren eins. Irgendetwas, eine unbegreifliche Kraft, eine Macht oder was auch immer, brachte dies zusammen. Aber welche? War es in Wahrheit Emschor? Konnte er mir all das zeigen? Besaß er jene Kraft? Ich spürte nun, dass ich zu mir selbst zurückkehrte, und dass ein dichter Schleier all dies verborgen hielt. Das war schade, denn ich war so herrlich auf dem Wege, um all diese Geheimnisse zu entschleiern. Aber ich stand machtlos da. 

Wundersame Dinge hatte ich soeben erfahren. Durfte ich die ganze Wahrheit noch nicht wissen? Dann werde ich eben abwarten, so dachte ich, und ich spürte, dass ich weitergehen sollte. Aber wohin? 

Ich sollte weiterhin diesem Weg folgen und zu meinem Kerker gehen. Dort war es, wo Marianne mich besuchen kam. Vielleicht würde ich auch dort etwas wahrnehmen können. Ich folgte der Stimme meines Herzens, die mich dies alles hatte sehen lassen, und meine Gefühle und Gedanken brachten mich an den Ort, wo ich eingesperrt gewesen war.