KAPITEL 2.
Wie Alcar über ein junges Leben wachte
Eines Morgens wurde André bereits früh von Alcar geweckt, um ihm mitzuteilen, dass er Doortje, die anderthalbjährige Tochter seines Freundes Jacques, um zwölf Uhr behandeln müsse. „Wie seltsam“, dachte er. „Was sollte dem Kind fehlen? Gestern Abend saß sie noch fröhlich in ihrem Stühlchen und spielte." Er begriff nichts davon, sorgte aber natürlich dafür, dass er zum angegebenen Zeitpunkt bei seinen Freunden war.
Nel, Jacques Frau, machte auf und sagte, dass ihr Mann noch nicht zu Hause sei, aber bald kommen werde.
„Ich komme um Doortje zu behandeln“, antwortete André.
„Doortje?“, fragte Nel verwundert. „Fehlt ihr denn was?“
„Das weiß ich noch nicht, Nel. Doch mein geistiger Leiter hat mir heute Morgen befohlen, zu ihr zu gehen und sie zu behandeln.“
„So“, sagte Nel. „Ja, in letzter Zeit sieht sie schon ein wenig blass aus und manchmal ist sie kreidebleich. Kinder hat es erwischt, ehe man es weiß.“
Während des Sprechens hatte Nel Doortje aus ihrem Stühlchen genommen, um sie André zu übergeben. Die Kleine wollte jedoch nichts davon wissen und trachtete ihn mit ihren Händchen von sich zu schubsen, als spürte sie bereits, was geschehen sollte. Er hatte jedoch mit ihrem Widerstand gerechnet und ein paar Süßigkeiten mitgebracht, wodurch er das kleine Ding zur willigen Hingabe zu bewegen wusste. Nel setzte sie, mit ihren Leckereien, wieder in ihr Stühlchen und als André von diesem günstigen Augenblick Gebrauch machen wollte, um sie zu magnetisieren, hörte er Alcar sagen, dass er besonders die rechte Seite ihres Köpfchens behandeln müsse. Sein geistiger Leiter würde ihm dabei helfen.
Eine plötzliche Angst überfiel ihn. Hatte er richtig gehört? Alcar würde ihm helfen? Dies geschah allein bei ernsten Fällen. War Doortjes Zustand denn so ernst? Was fehlte ihr denn bloß? Er wusste es noch stets nicht.
Er legte beide Hände auf ihr Köpfchen, obschon sie auf vielerlei Weise versuchte, dies zu verhindern.
Als die Angst in ihm aufkam hatte er sich vorgenommen, sich – wie noch nie zuvor – zu konzentrieren, denn er spürte intuitiv, dass Doortjes Krankheit viel ernster war, als er vermuten konnte.
Während des Magnetisierens geriet er in Trance; doch in diesem Zustand konnte er nichts anderes als einen dunkelgrauen Schleier an der rechten Seite des Köpfchens wahrnehmen. Von Alcar hörte er, dass er recht gesehen habe, und dass er das Kind nach einer Viertelstunde nochmals behandeln müsse. Da begriff er, dass sie sehr schwer krank sein musste.
„Ist es so, Alcar?“, fragte er ängstlich in Gedanken, sodass Nel es nicht hören würde.
„Ja, mein Junge, doch alles wird gut. Du musst die Kleine noch einmal behandeln.“
Nel fragte, was er davon halte, doch André, der es selbst noch nicht wusste, antwortete, dass er eine Erkältung bei ihr entdeckt habe. Daher wolle er sie noch einmal behandeln.
Nel war durch diese Antwort zufrieden gestellt, denn sie wusste nicht, dass zweimal hintereinander magnetisieren auf einen ernsten Fall hinwies.
Was bedeutete das alles? War jener graue Schleier die Krankheit? Warum zwei Behandlungen so kurz nacheinander?
Zum Glück ließ Alcar ihn in seiner Unruhe nicht lange warten. „Behandeln, Junge“, wurde ihm zugeflüstert, „später wird dir alles klar werden.“
Beim zweiten Mal behandelte er das kleine Mädchen noch intensiver als beim ersten Mal, und zugleich bat er Gott innig, dass Alcar die Kraft gegeben werden möge, um dieses junge Leben zu retten. Dafür betete er während der ganzen Behandlung, und auch versuchte er die Krankheit eigenen Leibes zu übernehmen, was ihm stets gelang. Dann saugte er die schmerzlichen Stellen langsam in sich auf, und wenn dies geschehen war, konnte er hellsehenden Zustandes die Diagnose stellen.
Das Einzige, was er jetzt konstatierte, war ein Gefühl der Steifheit in der rechten Kopfhälfte und ein zitterndes Gefühl im Rücken.
Nach der Behandlung ging er heimwärts und begegnete unterwegs Jacques, den er über alles, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war, in Kenntnis setzte. Jacques war darüber sehr verwundert, denn auch er hatte, ehe er zu seiner Arbeit ging, nichts Ungewöhnliches an seinem Töchterchen wahrgenommen.
„Vielleicht hat Alcar gestern Abend, als wir bei dir waren, etwas entdeckt. Jedenfalls wird ihr die Behandlung nicht schaden." Davon war sein Freund vollkommen überzeugt, weil er, nachdem er damals von seinem Hausarzt unheilbar krank erklärt worden war, durch die Hilfe von Alcar und André binnen kurzer Zeit gänzlich genesen durfte. Also war er Alcar für sein Eingreifen innig dankbar, und durch diesen Beweis der Liebe ihm und den Seinen gegenüber zutiefst gerührt.
Mittags erhielt André von seinem geistigen Leiter die Mitteilung, dass Jacques ihn um etwa neun Uhr holen käme, und exakt um neun Uhr klingelte sein Freund.
„Komm schnell mit mir mit, André“, sagte er. „Doortje sieht schrecklich aus. An der rechten Seite ihres Köpfchens sitzt eine dicke Geschwulst, ein Auge ist ganz zu und von der Mitte ihres Köpfchens läuft ein blauer Streifen zur Geschwulst. Was könnte das sein, André?“
Blitzartig kamen folgende Worte zu ihm: „Sage ihm, dass es eine Erkältung ist, die jetzt ausgebrochen ist.“ Er gab diese Botschaft seinem Freund durch, der sich dadurch halbwegs beruhigte.
Unterwegs bekam er erneut Kontakt mit Alcar, der ihm sagte: „Keine Angst, André, alle Gefahr ist vorüber. Wir haben Doortje aus dem Griff einer gefährlichen Kinderkrankheit retten dürfen. Solange ich dir allerdings keine Erlaubnis dazu gebe, darfst du den Eltern nichts davon sagen, denn sie dürfen die Wahrheit noch nicht wissen. Beruhige sie nur.“
Bald waren sie bei der kleinen Kranken. Sie sah wirklich furchtbar aus. Kein Wunder, dass seine Freunde sich schreckliche Sorgen machten. André beruhigte sie jedoch und sagte, dass sie froh sein konnten, dass die Erkältung ausgebrochen war.
Doortje saß auf dem Schoß ihrer Mutter und blickte still um sich und er versuchte vorsichtig ihr Köpfchen in seine Hände zu nehmen. Doch mit ihr war überhaupt nichts anzufangen. Daher gab er den Versuch auf und wartete er Alcars Befehle ab.
Das Gesichtchen war furchtbar geschwollen und der blaue Streifen sah beunruhigend aus.
Da hörte er – Gott sei Dank – die bekannte, so liebevolle Stimme flüstern: „Behandel sie auch jetzt zwei Mal, und wenn sie auch noch so laut schreit.“
Diese Worte ließen eine schreckliche Wahrheit vermuten. Trotzdem beherrschte er sich, um das Kind mit Hilfe von Jacques und Nel ruhig magnetisieren zu können.
Nach der zweiten Behandlung musste er sich konzentrieren. Er öffnete sich also und Alcar gab ihm durch Inspiration seine Informationen durch. Doortje wurde in Watte gepackt und in ihr Bettchen gebracht, wonach André mit seinen Freunden vereinbarte, dass sie ihn rufen sollten, falls sie ihn bräuchten.
„Besteht denn Gefahr?“, fragte Nel.
„Nein“, antwortete André, „Gefahr besteht zum Glück nicht.“ Wir wollen froh sein, dass diese Erkältung sich gelöst hat."
Zu Hause angekommen, dachte er lange über den Fall nach. Nach zwei Behandlungen schien eine enorme Besserung des Zustandes eingetreten zu sein. Aber warum hatte er Jacques und Nel die Wahrheit nicht sagen dürfen, wenn alle Gefahr doch vorüber war? Er wusste noch stets nicht, was der Kleinen eigentlich fehlte. Alcar hatte ihm lediglich gesagt, dass Lebensgefahr bestanden habe, doch dass sie Doortje haben retten dürfen. Er fühlte sich innerlich nicht ruhig; der Gang der Dinge gefiel ihm nur halbwegs. Endlich schlief er ein, um morgens mit dem selben, unzufriedenen Gefühl zu erwachen.
Da galten seine ersten Gedanken dem so kranken Kind. Die Nacht war vergangen und niemand hatte ihn gerufen. Das war sonderbar. Es wurde ihm ängstlich zumute. Hatte er diesmal nicht richtig zugehört und dadurch verkehrt gehandelt? Das war doch nicht möglich? Sonst zweifelte er nie an Alcars Worten. Warum dann jetzt wohl? Hätte er wohl schlafen gehen dürfen? Was hätte nachts nicht alles passieren können! Wie sollte er alles verantworten können! Hatte er den größten Schatz seiner Freunde wohl genügend umsorgt? Sie würden auch wohl geschlafen haben, da sie nichts von der Gefahr wussten. Wie hatte er sich so vergessen und ihr Kind aus den Händen der Ärzte halten können! Verantwortungslos war es, und es musste sich noch einiges an ihm ändern, wollte er den höheren Intelligenzen ein liebevolles Instrument werden. Was sollte er nun tun? Zu Jacques und Nel gehen? Aber es war noch so früh. Würden sie dann nicht denken, dass ihr Liebling sehr ernstlich krank war? Nein, das durfte nicht sein. Ein großer Kummer überkam ihn. Ach, wie konnte er alles wieder gutmachen? Er flehte Gott um Vergebung und betete: „Vater, ich will dir so gerne als lauteres Instrument dienen. Lass mich dies also eine Lehre sein, Vater, eine Lehre fürs Leben." Er sah seine Freunde bereits vor Kummer gebrochen. Durch seine Schuld hatten sie das Liebste, was sie auf Erden besaßen, verloren. Sie waren fürs ganze Leben gebrochen. Und wer hatte den größten Gram? Alcar natürlich. Durch unverzeihliche Unachtsamkeit hatte er ihn völlig ausgeschaltet. Wer sollte jetzt noch an seinen Alcar glauben, wenn dessen Instrument nicht mehr taugte? Oh, wie ängstlich war er. Und wo war nur sein geistiger Leiter? Spürte er seinen Schmerz nicht? Sonst tröstete er ihn immer, wenn er Kummer und Sorgen hatte. Warum denn jetzt nicht?
Sein Kopf barst beinahe und er war benommen vom Denken. Wenn er Alcar nur nicht verloren, sein Werk nicht zerstört haben würde!
Sähe er nur etwas! Vielleicht hatte er seine Gaben bereits verspielt. Wie arm würde er dann sein. Ärmer noch als der ärmste Mensch, der nichts mehr zu essen hat. Denn was bedeutet schon Mangel an Geld und Gütern im Vergleich zu geistiger Armut? Alcar hatte ihm so oft vorgehalten, dass irdischer Reichtum keinen geistigen, keinen ewigen Besitz bedeutet. Was ist irdisches Gold im Vergleich zu geistigem Besitz? Was bedeutet all das Irdische im Vergleich zu seinen Gaben? Doch nichts. Lieber würde er sich zu Tode hungern, als dass er seine Gaben – sein geistiges Gold, sein ewiges Kristall, in dem die Sphären in all ihrem Glanze, in all ihrer Schönheit schimmern – würde missen müssen. Und nun hatte er Alcars Werk, seine Aufgabe, die Erdbewohner zu heilen und von einem ewigen Fortleben – in höherer Daseinsform – zu überzeugen, womöglich zerstört.
Er hätte diese Nacht bei Doortje bleiben sollen und peinlichst über dieses junge Leben wachen müssen. Und nun hatte er Stück für Stück die Liebesbande, welche ihn mit Alcar verbanden, zerbröckelt und somit sein Vertrauen verspielt.
Gott hatte ihm die Gnade geschenkt, für den Spiritualismus zu wirken und – durch seine Gaben – leidenden Mitmenschen zu helfen und sie zu trösten. Denjenigen, die sich von ihren Lieben hatten trennen müssen, durfte er eine Stütze sein, indem er sie darauf hinwies, dass „Tod“ Leben bedeutet. Er durfte Kranke heilen, als Erdenmensch die Sphären besuchen. Und war er wohl überzeugt von der Größe all dessen? War es ihm wohl heilig genug? Begriff er wohl gut, dass er Alcar, der bereits vor Jahrhunderten die Erde verlassen hatte und der so unendlich viel mehr wusste als er, niemals genug Liebe entgegenbringen konnte?
Gott hatte all jenes Heilige in seine Hände gelegt. Und wenn er den unsagbaren Wert dieser Gottesgabe nicht genügend erfühlte, würde er später sehr unglücklich sein. Tausende von Intelligenzen, die ihre Lieben auf Erden zurückgelassen haben und diese, während sie hinter dem Schleier fortleben, beschützen, sehen jetzt auf ihn herab. Ist er sich dessen wohl vollkommen bewusst, dass er bereits jetzt sein Ewigkeitsleben leben muss? Dass er von allem was der Erde angehört Abstand nehmen sollte?
Wenn er seine Pflicht getan hätte, würden ihn seine Freunde noch mehr geliebt haben, als sie es bereits jetzt taten. Er hätte die Wissenschaft noch mehr davon überzeugen können, dass geistig hoch stehende, liebevolle Medien imstande sind, sie durch Hellsehen, magnetische Kraft und andere Gaben zu unterstützen.
Wie viel nützliches Werk hatte er bereits verrichten dürfen. Er hatte Ärzten helfen können und in wenigen Minuten Diagnosen gestellt, wozu er selbst – ohne Hilfe von geistigen Kollegen – nicht imstande gewesen wäre. Denn mit Alcars Hilfe konnte er in den menschlichen Körper blicken.
Alles würde anders gewesen sein, wenn er richtig zugehört hätte.
Die Menschen geben sich nicht so bald dem Magnetiseur hin. Würden Mütter ihm jetzt noch ihre Kinder anvertrauen wollen? Würden sie sie fortan nicht tausendmal lieber unter den Händen des Arztes hinübergehen sehen, als untätig zuzusehen, dass er ihnen alle medizinische Hilfe vorenthielt? War es für sie nicht viel besser, zu wissen, dass sie alles Mögliche getan hatten, als ihm ihr unangebrachtes Vertrauen zu schenken? Er war sich voll und ganz im Klaren, wie groß sein Versäumnis war. Das ließ sich nicht mehr rechtfertigen.
Dort hingen seine auf mediale Weise empfangen Exemplare, welche Alcar, indem er ihn als Instrument benutzte, gemalt hatte. Wagte er es noch, sie anzusehen, während er ihn mit Undank belohnte?
Im Geiste werden keine halben Sachen gemacht. Entweder alles, oder nichts; das hatte er im Laufe der Jahre wohl gelernt. Er musste entweder danach streben, ein gut entwickeltes Medium zu sein, oder er würde seine medialen Fähigkeiten verlieren, da dies eine Gabe Gottes ist und der Allerhöchste nicht mit sich spotten lässt.
Wie still war es um ihn herum geworden! Es glich wohl derselben Stille, derselben Ruhe, welche im Sommerland herrschte, als er derzeit mit seinem geistigen Leiter dort eingetreten war.
Es wurde noch stiller, so still, dass er hören konnte wie das Leben atmete. Das tat ihm gut. Es machte ihn ruhiger und seine Nerven entspannten sich. Sein Angstgefühl klang ab und sein Kopf wurde weniger schwer. Ein behagliches Gefühl durchströmte ihn. Wie war das möglich! Über seinem Kopf glaubte er irgendein Geräusch zu vernehmen. Es war, als würde flüsternd gesprochen. Es klang ihm melodiös in den Ohren. Es glich wohl Musik, die vom Winde fortgetrieben zu ihm kam, himmlischer Musik, die ihn glücklich stimmte. In den Angstzustand von vorhin konnte er sich nicht mehr zurückversetzen. Wo war jenes elende Gefühl geblieben? Noch intensiver spürte er, dass das Glück in ihn kam. Was geschah mit ihm? Die Wände seines Zimmers verschwanden vor seinen Augen, um für eine sonnige, ausgedehnte Berglandschaft Platz zu machen. Er sah Bäume mit dunklen und hell gefärbten Blätterkronen. Direkt vor ihm befand sich ein großer Teich, in dem sich viele Vögel tummelten, wie er sie noch niemals zuvor gesehen hatte. Und um diesen Teich herum dufteten und blühten Blumen im Überfluss; in solch leuchtenden Farbtönen, in solch überwältigender Pracht, wie sie auf dieser Erde nicht zu sehen sind, während entlang diesem himmlischen Blumengarten ein Pfad verlief, der sich durch die gesamte Berglandschaft schlängelte und bis zum Horizont zu sehen war. Dort entschwand er seinem Blick.
Untersuchend sah er sich um, doch er konnte kein einziges Menschenkind entdecken.
Wie schade, dass hier keine Menschen lebten, denn wie glücklich würden sie inmitten all dieser Schönheit sein, in diesem göttlichen Lebensgarten, wie Alcar ihn bereits eher einen sehen ließ.
Welch ein Reichtum an Harmonie, seliger Ruhe und Frieden lag über dieser von goldenem Licht beschienenen Landschaft!
Er sah, dass sich am Ende des Schlängelpfades etwas bewegte. Es war nicht viel mehr als ein Punkt, aber dennoch konnte er sehen, dass es sich fortbewegte. Langsam kam es näher und näher. Es zeigte sich, dass es eine in weiß gekleidete Gestalt war. Sollte es denn doch ein Mensch sein? Welch unbeschreibliche Glückseligkeit musste es da für jenen Menschen sein, in diesem Paradies leben zu dürfen.
Immer näher kam die Gestalt. Nun stand sie still und nahm ehrfurchtsvoll ein paar Blumen zwischen die Hände. Geraume Zeit stand die einsame Gestalt da und tat genau dasselbe, was er Alcar einmal hatte tun sehen. Auch sie liebte demnach die Blumen und das Leben, das in allem liegt. Sollte auch sie, ebenso wie Alcar, in allem das Leben erfühlen können?
Es war eine lange, schlanke Erscheinung. So von weitem gesehen hatte sie die gleiche Größe wie sein geistiger Leiter, und ihr Auftreten hatte große Übereinstimmung mit dem von Alcar. Schade, jetzt verschwand sie hinter den Blütensträuchern. Würde sie noch wiederkommen? Das junge Leben hielt sie vor seinen Augen verborgen. Ein Glück, da sah er sie wieder; durch die Sträucher hindurch konnte er einen Schatten von ihr wahrnehmen. Welch eine Ruhe lag in ihren Bewegungen! Jetzt war sie wieder deutlich sichtbar, doch ihr Angesicht konnte er noch nicht klar erkennen; dafür war sie noch zu weit von ihm entfernt. Nun kam sie wieder langsam näher. In ihrem ganzen Wesen lag Harmonie und er meinte ein Lächeln auf ihrem reinen Antlitz zu bemerken. Sollte es ein Mann oder eine Frau sein? Die Locken der schönen Erscheinung fielen bis auf ihre Schultern, aber all ihre Bewegungen deuteten dennoch auf männliche Schönheit hin. Ja, es musste ein Mann sein.
Nun konnte er sein weißes Gewand besser erkennen; wenn es von der Sonne beschienen wurde, leuchtete es in unzähligen Schattierungen. Bald war es in einem zartrosanen, bald wieder in hellblauem oder in einem weinroten Hauch zu sehen, der sich von dem hellgrünen Hintergrund abhob. Es war, als widerspiegelten sich auf diesem weißen Kleide all die himmlischen Farben der Blumen, inmitten welcher er sich befand.
Nun blieb der Unbekannte wieder stehen, um zum zweiten Male Blumen zwischen die Hände zu nehmen. Er beugte sich tief darüber hinweg, während er sie mit beiden Händen umschloss, um sie auf diese Weise zu liebkosen. Sollte auch er jetzt beten, wie Alcar, der durch die Blumen zu Gott betete? Durch das Leben, welches Er in alles hineingelegt hat? Sollte dieser schöne Unbekannte das auch können? Sollte seine Abstimmung dieselbe sein wie die seines geistigen Leiters?
Er versuchte, ob er sich mit ihm verbinden konnte und konzentrierte sich stark darauf. Doch er konnte nicht zu ihm durchdringen. Wenn seine Gedanken ihn erreichten, spürte er, dass ihn etwas zurückhielt, ihn zurückzog; und er konnte, ungeachtet all seiner Mühe, nicht das erreichen, was ihm auf Erden doch so leicht fiel. Wie viel Kraft und Anstrengung es ihn jetzt kostete! War dieser Mensch nicht zu ergründen? Er spürte deutlich, dass sein Konzentrationsvermögen nachließ, wenn er sich ihm näherte. Es lag etwas um diesen Unbekannten, das er nicht durchdringen konnte.
War es vielleicht dessen Ausstrahlung, welche stärker und schöner war als die seine? Konnte sein Licht nicht mit dem seinen verbunden werden? Prallte er an seinem ab? Dass ihm der Unbekannte überlegen war, spürte er an allem. Wollte er nicht, dass man ihn erreichte? War er für Beeinflussung nicht zugänglich? Besaß er jene selbstbewusste Kraft? André verstand: Er prallte an ihm ab, so wie die Wellen des Ozeans von den Felsen zurückgeworfen werden. Dieser Mensch würde Orkanen trotzen und Berge versetzen können. Niemand als Gott allein würde seine Standhaftigkeit erschüttern können. Und Gott ließ ihm seinen Frieden und sein Glück, weil er das Leben liebte mit einer Liebe, welche in Übereinstimmung mit Gottes heiliger Liebe ist. Folglich lebte er in Harmonie mit der Unendlichkeit und musste er, allein durch seine Liebe, Wunder wirken können. Auch das begriff André; Alcar hatte es ihn gelehrt. Und wenn er dafür sorgte, dass er ein gutes Instrument war, dann würde auch er einst jene Kraft besitzen dürfen.
Jetzt spürte er, dass er nicht weiter gehen und seine Kräfte nicht länger unnötig verschwenden durfte. Wozu diente das? Durfte er einen störenden Einfluss in die Ruhe des Geistes bringen? War das Liebe? Durfte er diese heilige Ruhe, welche nicht von der Erde war, stören? Würde es nicht besser sein, geduldig auf das zu warten, was weiter geschehen sollte?
Es tat ihm Leid, dass er bereits zu weit gegangen war. Er musste seine Neugier zu bezwingen lernen, denn Neugier ist eigentlich nichts anderes als Selbstliebe.
Welch friedvoller Ausdruck lag auf dem edlen Antlitz des einsamen Unbekannten! Es schien gar, als wäre er der Friedensengel in eigener Person. Langsam, Schritt für Schritt, entfernte er sich von der Stelle, an der er geraume Zeit gestanden hatte und wandelte gemächlich weiter. Sein Angesicht hielt er nach links gewendet, als nähme er dort etwas wahr, das sein Interesse weckte. Doch… plötzlich drehte er sich um und war verschwunden.
André kam zu der Erkenntnis, dass es an ihm liegen musste. Hätte er ihn wohl so heimlich beobachten dürfen, während er betete? Er musste sich selbst eingestehen, dass es noch traurig um ihn bestellt war, und dass er noch ein grober Erdbewohner war, der noch lange nicht auf das Geistige abgestimmt war, weil er mit dem, was er hier erblicken durfte, aufeinander prallte.
Er hätte all seine Handlungen mit großer Liebe verfolgen sollen; dann wäre seine Abstimmung vollkommen und sein Geist in Harmonie mit dem Ewigen gewesen. Doch der grobstoffliche Erdbewohner erfühlt nicht so fein, so geistig, so rein.
War es da nicht besser, sich zu entfernen, anstatt in Sphärenschönheit zuzuschauen, dass sein Herz vor Erregung klopfte? War er es wert, all das erblicken zu dürfen?
Noch immer erstreckte sich die Landschaft in all seiner Ruhe und Schönheit vor ihm. Wer konnte doch bloß der Glückliche sein, der da so selig umherstreifte? In ihm lebte der Geist Gottes, der Geist des Vaters.
Da sah er ihn wieder. Es war seltsam: Wenn er in Liebe an ihn dachte, dann zeigte er sich gleich wieder. Sollte er seine Gedanken auffangen können? Das konnte allein Alcar, Alcar allein.
Langsam kam er näher. Wenn er dem jetzt eingeschlagenen Weg nur weiterhin folgte, dann würde er ihn bald deutlicher sehen können. Er unterdrückte gleichwohl sein starkes Verlangen, denn er wäre tief betrübt, wenn er sich durch seine Schuld, durch seine störenden, disharmonischen Gedanken wieder zurückziehen würde.
Wie lange wird es noch dauern, ehe sich der Mensch geistig nennen kann und darf. Und wie viele Jahrtausende werden noch vergehen müssen, ehe auf Erden bessere Zustände herrschen und die Liebe unter den Menschen geistig, rein und lauter sein wird!
Mit dem schönen Unbekannten würde er allein in Liebe verbunden werden können. Das war ihm klar. Da blieb er zum dritten Male zwischen den Blumen – einem Meer von Blumen – stehen und streckte die Arme nach ihnen aus. Anschließend umfasste er eine große, blaue Blume mit seinen wohlgeformten Händen und neigte demütig das Haupt, das von einem überirdischen Glanze beschienen wurde.
Es war ein weihevoller, heiliger Augenblick, worauf er zu sprechen begann. Die Laute erreichten ihn genauso, wie er vorhin jene herrliche Musik wahrgenommen hatte, und die Stimme – so sanft wie die Musik – klang ihm ebenso melodiös in den Ohren. Es war ein Gebet, das er zum Schöpfer hinaufschickte:
†
„Du, meine Blume, oh du, die du das Leben in dir trägst, das Gott in dich und in mich hineingelegt hat, durch dich sende ich Ihm meine Liebe.
Indem ich mich mit dir verbinde, verbinde ich mich mit Gott; weil er uns beiden das Leben geschenkt hat, ein ewiges Leben in uns gelegt hat.
Durch deine schöne Farbe werde ich in Harmonie mit der Unendlichkeit bleiben, durch deinen süßen Duft werde ich mich stärken. Deine Farbe, die des Geistes ist, bedeckt die Felder des ewigen Lebens.
Wer deinen Duft einatmet, wird sich gestärkt fühlen, weil der Atem des Vaters in dir lebt; in mir lebt. Weil unser Vater das Leben ist, uns das Leben geschenkt hat.
Süß sollen deine Düfte sein, die des Menschen Seelenkraft stärken. Dadurch wird er das Leben fühlen, wie es uns gegeben wurde; weil Gott nur ein Leben gibt – was für ihn selige Ruhe, ewigen Frieden und heiligende Liebe bedeuten wird. Daher verschmelze ich mit dir, um mich dem Schöpfer in Liebe und Demut zu nähern.
Ich vermische mein Licht mit deinem Licht, weil wir gemeinsam Gottes Licht, Sein ewiges, heiliges Licht erfühlen werden.
Wir werden unsere Liebe, die eins, die ewig, die das Leben ist, behalten, weil Gott uns ewige Liebe, ewiges Leben gab. Dir gab Gott das Leben, deinen blauen Glanz und deinen Duft.
Mir gab Gott den denkenden Intellekt, und er legte Weisheit und Kraft in mich.
Er gab uns jedoch ein Leben und eine Liebe. Darum machte Gott uns eins. Durch das Leben und in Liebe sind wir ewig verbunden.
So leben wir in Liebe zu Gott, in Ruhe, in Frieden, in Glück und in Harmonie durch Gott, weil wir ein Leben in uns tragen.
Sollten die Menschen auf Erden, wo ich einst lebte, und wo ich nun wieder Werk zu verrichten habe, verstehen können, dass wir eins sind? Oder sollten sie denken, dass wir einfältig sind? Wenn sie nur eine klitzekleine Kleinigkeit des Glückes kannten, das wir besitzen, das wir in uns tragen, dann würden sie schon glücklich sein und würde Frieden auf Erden herrschen.
Wüssten sie nur, schöne Blume, dass Liebe Kraft ist und Leben bedeutet; dass Liebe Meere austrocknen lassen kann. Allerdings nur, wenn sie göttlichen Ursprungs ist. Spürten sie nur, was universelle Liebe bedeutet, dann würden sie, wie wir, anderen zur Seite stehen und sie unterstützen können.
Doch wir werden ihnen helfen, Gottes heilige Kraft zu gebrauchen; um andere, die das Leben noch nicht erfühlen, es nicht zu erleben wissen, die noch nicht am Leben sind, aufzuwecken. Wir werden sie lehren, Vertrauen in Gottes heilige Kraft zu haben. Wir werden ihr Vertrauen in alles stärken.
Könnten die Menschen auf Erden doch nur mehr Vertrauen haben, dann würden sie in ihrem Kampf stark dastehen.
Du, schöne Blume, hast Vertrauen; darum ist es dir gegeben, zu leben, ist dein Leben Gefühl geworden, ist dein Gefühl Liebe und deine Liebe dein Leben.
Wüssten die Menschen auf Erden nur, dass sie – durch Selbstvertrauen – Wunder zustande bringen könnten; dass ihre Liebe – durch Selbstvertrauen – wachsen, blühen und rein sein würde.
Selbstvertrauen ist die Kraft allen Lebens. Selbstvertrauen ist die heilige Kraft, welche von Gott Leben genannt wird. Das Selbstvertrauen verbindet den Menschen mit Gott.
Warum zweifelt der Mensch an einem ewigen Leben? Weil er, schöne Blume, sein ewiges Leben nicht spürt, es nicht versteht; weil er sich dessen nicht bewusst ist. Noch ist es sein unbewusster Besitz. Darum nennen wir ihn einen lebenden Toten.
Er wird böse, schöne Blume, wenn man ihm die Wahrheit sagt, wenn man ihm die Wahrheit vorhält. Ach, ich könnte dir so viel über den irdischen Menschen erzählen, doch ich will deine Ruhe nicht stören.
Der Mensch auf Erden kennt unseren Frieden nicht, weil er in Disharmonie lebt und keine Harmonie empfindet; weil sein Leben disharmonisch ist, weil er mit seinem himmlischen Vater in Disharmonie ist.
Wie viel Schönes könnten wir ihm nicht über uns erzählen! Doch das würde er zu süßlich, zu unirdisch finden. So sehr ist sein geistiges Gefühl verstofflicht.
Wenn wir ihn durch unsere Instrumente unterrichten wollen und diese ihn auffordern, es so zu tun, wie wir es sehen und empfinden – da wir leben und wach sind –, dann denkt er, dass die Medien unsere Sklaven geworden sind. Das denken insbesondere diejenigen, die meinen, dass sie etwas von geistiger Abstimmung verstehen.
Wenn sie nur mehr Vertrauen in uns hätten, dann würden wir sie auf ihre Fehler hinweisen können, sie auf den rechten Weg bringen und sie mit unserem Leben verbinden, was ewiges Leben bedeutet. Wie viel würden wir ihnen dann geben können! Aber, schöne Blume, selbst jene, die geistig sehen, welche die Gabe des Lichtes in sich tragen, haben nicht genügend Selbstvertrauen. Sie wanken noch und sind der Beeinflussung unterworfen.
Ich schöpfe nun Kraft aus dir, meine Blume. Durch deine Säfte habe ich junges Leben genährt und gestärkt.
Nun gehe ich fort, aber ich werde wiederkommen, um, falls es deine Ruhe nicht stören wird, dir noch mehr über die Menschen zu erzählen. Deine Liebe wird jedoch stark genug sein, weil sie von Gott kommt.
Ich werde auf Erden das Unbegreifliche begreiflich machen und den menschlichen Geist entwickeln. So will ich die Menschen führen und ihr Gefühl auf Gott abstimmen. Dann wird sich all ihre Angst und ihr Zweifel in Selbstvertrauen verwandeln. Lebe, meine Blume, lebe. Lasse das Leben, das in dir steckt, leben. Lasse es stets dein ewiges Glück, dein ewiges Leben bleiben.“
Andrés Herz klopfte heftig. Jetzt wusste er genug und verstand alles. Die leuchtende Gestalt, dort vor ihm, konnte niemand anders sein als sein eigener geistiger Leiter, sein geliebter Alcar. Nun hatte er ihn – wie noch nie zuvor – gesehen. Ja, er verstand alles. Seine Angst war unnötig gewesen und in seinem Vertrauen hatte er gewankt. Er war noch nicht stark genug, um der Gefahr zu trotzen. Er hätte Alcar auf der Stelle wieder erkennen müssen und niemals an seiner Hilfe zweifeln dürfen.
Er fühlte sich wie gelähmt und er hatte kaum die Kraft, um das alles zu tragen.
Da hörte er die wohl bekannte, geliebte Stimme flüstern: „André, mein Junge, derjenige, der alles in Liebe vollbringen will, wird unermüdlich sein, weil Liebe Gott und Gott unermüdlich ist.“
André blickte auf. Dort vor ihm stand sein geistiger Leiter. Wie schön er war! Während ihrer Reisen in die Sphären hatte er sich ihm noch nie so strahlend gezeigt.
„Du wirst mich nur dann so sehen, wenn du vollkommen auf mich abgestimmt bist und wie jetzt in großer, menschlicher Liebe zu mir kommst. Liebe, welche du mir durch deine Angst entgegen brachtest, da deine Angst Liebe war, welche auf diese Sphäre abgestimmt ist. Dieser Beweis deiner Liebe zu mir ließ mich den Entschluss fassen, dem Mangel an Vertrauen, der in dir steckte, jetzt und ein für alle Male ein Ende zu setzen. Ich kannte dieses Misstrauen, mein Junge, und darum hielt ich dich aus allem heraus, und warst du allein mein Instrument. Dadurch hättest du aber nichts gelernt, doch durch dein tiefes Gefühl hat sich deine Liebe auf die meine abgestimmt. So wurden wir eins und durfte ich dich mit jener Liebe, mit jener Sphäre verbinden, in der du Ruhe empfandest, welche Harmonie in alles bringt, was geistiges Leben bedeutet.
Während Doortjes Krankheit wollte ich dein Selbstvertrauen stärken, um dir zu zeigen, dass allein Liebe Selbstvertrauen bedeutet. Jetzt wird man die Wahrheit nicht mehr vor dir verbergen; denn ich weiß jetzt, dass dir alles heilig ist, dass deine Liebe blühen und gedeihen wird, und dass wir im Namen des Vaters Wunder verrichten werden, weil Er das Leben allen Lebens ist. Nun wird dir alles klar geworden sein. Sei aber stets auf der Hut, dass du kein Spielball deines Gefühls wirst, und vor allem auch, dass du nicht meinst, es besser zu wissen als wir. Denn das würde Eigendünkel bedeuten, wovor wir dich niemals genug warnen können. Lass dich nicht mehr schlecht beeinflussen. Denke daran: Unglaube ist das Gift, mit dem die Menschheit infiziert ist.
Sieh, nun ein anderes Bild.“
André sah Doortje vor sich und vor Glück konnte er es wohl herausschreien, denn das Kind lebte. Er hatte sich also unnötigerweise Sorgen gemacht, weil er nicht genug auf Alcar vertraut hatte.
„Spürst du jetzt“, fragte dieser, „warum Jacques und Nel nichts wissen dürfen? Wenn sie vom Ernst der Krankheit ihres Kindes auf der Höhe wären, dann würden sie es uns nehmen, um es in ihrer Angst einem irdischen Mediziner anzuvertrauen. In unseren Händen ist es aber sicher und durch zwei magnetische Behandlungen haben wir das kleine Ding von einer Gehirnhautentzündung erlösen dürfen.“
André erschrak nicht mehr von dieser Mitteilung, denn jetzt konnte sein Vertrauen auf Alcar nicht mehr ins Wanken gebracht werden.
„Nun werden alle üblen Stoffe den kleinen Körper verlassen; das wirst du bald bemerken. Ich wache, André. Vertraue, vertraue, vertraue.
Und nun noch Folgendes: Halte dich nicht für zu groß, aber vor allem auch nicht für zu niedrig; denn wie solltest du dir dann deiner eigenen Kraft bewusst sein und andere von unserem Wissen überzeugen können?
Und zeige auch, dass Liebe von dir ausgeht, denn Liebe wirkt Wunder.
Dein Freund wird nicht kommen und dem Kind wird es morgen viel besser gehen.“
Alcar war fortgegangen und André war wieder allein. Während der letzten Stunden hatte er viel gelernt, und die Vision hatte er richtig verstanden. Welch ein Glück war es für ihn, dass er seinem geistigen Leiter hatte helfen dürfen, den Eltern ein junges Leben zu erhalten.
Am nächsten Abend ging er nach Doortje sehen. Nel kam ihm bereits im Gang entgegen und rief ihm zu: „Doortje geht es viel besser, André; aber was für eine Menge Dreck aus ihrem Öhrchen gekommen ist! Heute Nachmittag gegen drei Uhr brach die Eitergeschwulst auf, dabei herrschte ein fürchterlicher Gestank. Wie muss der kleine Schatz gelitten haben!“
Das kleine Mädchen saß wieder in ihrem Stühlchen und sah ihn mit einem lachenden Gesichtchen an, als wüsste sie, dass nun wieder alles gut war.
Er brauchte ihr nicht mehr zu helfen. Durch die beiden Behandlungen war das Wunder geschehen.
Trotzdem blieb sie nicht vor noch mehr Krankheit verschont; denn so langsam schwoll ihr linkes Öhrchen an und die Haut rundherum färbte sich rot, bis schließlich eine Geschwulst hinter dem Öhrchen sichtbar wurde.
André behandelte sie zweimal pro Woche, was sein geistiger Leiter ihm aufgetragen hatte; während dieser ihm gleichzeitig mitgeteilt hatte, dass sich dieser Prozess fünfmal wiederholen werde, und dass die zweite Geschwulst etwas kleiner als die erste sein würde. Die letzte würde die Größe eines Knickers haben.
Er gab diesen Bericht seinen Freunden durch, die dies sehr bedrückte. Sie fanden es furchtbar. Jene erste Geschwulst war wohl so groß wie eine Nuss und sie konnte jeden Augenblick durchbrechen.
Eines Abends sagte Alcar, dass es nachts geschehen würde, und dass die Kleine gut verbunden werden müsse, da viele üble Stoffe freikommen würden.
Am nächsten Morgen kam Jacques berichten, dass das, was Alcar ihnen mitgeteilt hatte, sich bewahrheitet hatte. Die erste Geschwulst war verschwunden.
Das Öhrchen blieb gleichwohl rot und geschwollen; und von dem Augenblick an, da die Schwellung auftrat, war Blut im Urin, was, laut Alcar, nicht mehr der Fall sein würde, wenn die letzte Geschwulst verschwunden sei.
Langsam bildete sich die zweite Geschwulst und verschwand wieder auf die gleiche Weise wie die erste. Und als sich dieser Prozess endlich fünfmal wiederholt hatte, wurde die Gesichtsfarbe des kleinen Mädchens zum Glück wieder besser, und war im Urin auch kein Blut mehr zu finden.
„Doortje ist nun geheilt“, sagte Alcar, „und sie wird nicht bald wieder krank werden, da wir alle üblen Stoffe herausgebracht haben, was für ihr ganzes Leben von großem Gewicht sein wird.“
Da erzählte André seinen Freunden, wie liebevoll sein geistiger Leiter über ihren Schatz gewacht hatte, und von welcher gefürchteten Krankheit er sie befreit hatte.
Durch diese Mitteilung waren sie natürlich tief gerührt und innig dankbar für alles, was Alcar in seiner großen Liebe für sie getan hatte.
„Wir können den Menschen bei allem helfen“, sagte Alcar; „und im Falle schwerer Krankheit wird, falls sich herausstellen sollte, dass irdische medizinische Hilfe herbeigerufen werden muss, keine Minute zu lange gewartet werden. Ich werde stets wachen, Tag und Nacht, weil der Geist keinen Schlaf mehr benötigt und keine Müdigkeit mehr kennt. Doch es liegt an dir, um alles unseren Wünschen entsprechend auszuführen. Dann besteht keine Gefahr. Dann wird man sich uns willig hingeben und wird die Wissenschaft uns akzeptieren, weil sie Vertrauen in uns bekommen hat. Ärzte werden unsere Hilfe herbeirufen, wenn sie schweren Krankheitsfällen hilflos gegenüberstehen. Sie werden den Nacken beugen und ihre falsche Scham ablegen, weil sie oftmals vor Problemen stehen werden, welche für den Geist keine Probleme sind, da wir uns mit dem Stoff verbinden und durch ihn hindurchblicken.
Ich, der ich nun Alcar genannt werde, der ich früher auf Erden gelebt habe, werde – verstehe mich recht – der Wissenschaft beweisen, dass wir fortleben. Ich lebte vor einigen Jahrhunderten auf Ihrer Erde, und der Name, den ich damals trug, wird noch immer von vielen von Ihnen mit Achtung ausgesprochen. In der Blüte meines Lebens bin ich mit gut vierzig Jahren von dort abberufen worden. Vor jener Zeit war ich allerdings schon davon überzeugt, dass mein Leben mit dem irdischen nicht enden würde. Und als ich mir dessen bewusst wurde, in welchem Zustand ich viele Brüder und Schwestern zurückgelassen hatte, kam – Gott sei Dank – das intensive Verlangen in mir auf, die Erdenmenschen von einem Fortleben nach dem stofflichen Tode überzeugen zu dürfen.
All meine Freunde sind nun auch schon lange an unserer Seite, und sie helfen mir und unterstützen mich bei dieser Aufgabe. Auf Ihrer Erde trugen sie klangvolle Namen, welche dort noch immer fortleben und in die man sich verrennt, während sie für sie keinen Wert mehr haben, da wir gelernt haben, dass es allein der Geist ist, der dem Leben Wert gibt.
Wenn man annehmen könnte, dass wir hinter dem Schleier in großer Liebe zu den Menschen wirken und trachten, ihnen in allem zur Seite zu stehen, dann könnte man uns unsere Aufgabe so viel leichter machen und unseren Wünschen entsprechend handeln. Aber da man glaubt, dass Tod tot bedeutet, will man mit dem Leben nichts zu tun haben. Deshalb sind wir – ich und so viele andere – zur Erde zurückgekommen, um die Menschheit wachzurütteln und sie davon zu überzeugen, dass wir leben, weil Gott, der Liebe bedeutet, uns und ihr ein ewiges Leben geschenkt hat, das – indem es stets evolviert – einst vollkommen sein wird, wie der Vater im Himmel vollkommen ist.
So habe ich also ein junges Leben retten dürfen, ich, der körperlose Mensch mit meinem entwickelten, denkenden Intellekt; während niemand auf Erden wusste, an welcher gefährlichen Krankheit es litt und folglich niemand rechtzeitig und wirksam hätte eingreifen können, sodass man lediglich Staub, allein Staub übrig behalten hätte.
Damit wollte ich zeigen, dass wir dem Menschen durch ein geistig hoch stehendes, heilendes Medium helfen können, seine Probleme zu lösen und ihm stets Liebe entgegenbringen wollen. Lernte er nur zu begreifen, dass die „Toten“ leben. Wir rufen ihm aus dem Jenseits zu: ‚Wir leben, wir leben an unserer Seite in großem Glück. Wir leben in ewiger, reiner Liebe; eine Liebe, wie kein Mensch auf Erden sie kennt, noch empfindet. Das ewige Leben ist nicht zu vernichten, es kann sich aber erst nach dem stofflichen Tode gänzlich im Geiste entfalten. Es ist nicht zu vernichten, weil das Leben Gott ist und er Sein eigenes Leben nicht vernichten wird.‘
Wenn aber der Augenblick da ist, an dem Gott ihn ruft und der so genannte Tod eintritt, dann muss der Mensch lediglich sein Stoffkleid ablegen, wie er so oft ein mehr oder weniger abgetragenes Kleidungsstück ablegt. Dann wirft der Geist seine Fesseln ab, um in unbekannte Gefilde aufsteigen zu können, stets höher, immer nur höher.
Wir, die wir unser Stoffkleid bereits vor so langer Zeit abgelegt haben, kommen zu den Menschen, um ihnen das zu erzählen; weil wir wissen, dass wir stets evolvieren werden, um stets wieder höhere Daseinsformen anzunehmen, bis dass wir zu feinbesaitet, zu hoch abgestimmt sein werden, um uns noch mit den Erdbewohnern verbinden zu können.
Schließlich zeigte ich noch, dass der Magnetismus die heilende Kraft ist, welche dem Menschen helfen wird, seine Kranken zu heilen, weil es eine reine, natürliche Heilkraft ist und alles was natürlich und rein ist den Weg des Höheren geht.
Ich, der ich vor so langer Zeit auf deiner Erde lebte, rettete ein junges Leben, weil es Gottes Wille war. Das wird mir folglich nur möglich sein, wenn meine Kraft nicht der Kraft Gottes widerspricht.
Wir, die wir den Geist viel intensiver erfühlen als der Mensch, wir wissen, was wir in Abstimmung auf Gott tun können und dürfen.
Der Mensch ist geistig noch im Tiefschlaf versunken, aus welchem er erst dann gänzlich wachgerüttelt werden wird, wenn er zu den Unseren gehören wird.
Doortje wurde durch uns gerettet. Liefert das den Menschen nicht den Beweis, dass wir zu ihnen wiederkehrten, um in ihrer Mitte unser Werk zu verrichten? Gott schenkte uns die Gnade, zu ihnen wiederkehren zu dürfen. Da wir das Licht besitzen sehen wir in ihrer Finsternis und wird unser Licht ihre Finsternis erleuchten.
Mensch der Erde, nimm das Licht an, weil dieses Licht Gott ist. Wir binden dir den Rettungsgürtel des Geistes um. Wisse, dass keine Stürme auf dem Meer des Lebens dich vernichten können. Du wirst dich über Wasser halten, weil das ewige Leben dich über Wasser hält.
In dir liegt der heilige Gottesfunke, die rettende Kraft, durch die du auf Ihn abgestimmt bist.
Wir werden weiterhin über junge Leben wachen. Und auch über Leben, die noch in ihren Kinderschuhen stecken, die noch als jung im Geiste zu bezeichnen sind, wenn sie auch schon das Alter von siebzig oder selbst achtzig Jahren erreicht haben. Ihnen und den Jüngeren wollen wir helfen. Und darum rufe ich ihnen allen zu: Jetzt ist noch Zeit, jetzt seid ihr noch in euerem irdischen Körper, im Besitz eures irdischen Lebens. Rettet, Freunde, was zu retten ist. Rettet aber keinen Stoff, sondern rettet den Geist und läutert euere Seele. Dann wird euch, wenn eure irdische Pilgerfahrt zu Ende sein wird, ein Leben ewiger Liebe, ewigen Glückes in Gottes Vaterhaus erwarten.“