KAPITEL 2.
Wie Alcar über André wachte

Eine Dame, die in Genf wohnte, wollte, dass er herüber kommen würde, um eine Diagnose zu stellen. Sie war von einigen Doktoren untersucht worden, doch wollte erst ihn zu Rate ziehen, ehe sie sich zu dem entschließen würde, was man ihr angeraten hatte. Anhand ihres Schreibens stellte er bereits die Diagnose, schrieb ihr jedoch zurück, dass er gerne ein Foto haben wolle, da ihr Brief durch viele Hände gegangen sei. Bald erhielt er Antwort. Sie schrieb ihm, dass alles richtig sei, und dass sie nach Holland kommen wolle, um sich von ihrem Bruder, der in Gr. Chirurg sei, operieren zu lassen. Ehe sie jedoch nach Gr. abreisen würde, wolle sie sich gern mit ihm treffen. In dem Hotel, wo sie verblieb, stattete André ihr einen Besuch ab und vereinbarte, dass er ihr aus der Ferne beistehen werde. Am darauf folgenden Tag stellte er sich auf sie ein, und er blieb mit ihr verbunden, bis sein geistiger Leiter ihm sagen sollte, dass er aufhören solle. Einige Tage danach sagte Alcar ihm, dass die Operation gelungen sei, und er solle aufhören, da es nunmehr zu stark auf sie einwirken würde. Sie dürfe in nichts gestört werden. Auch Alcar wachte über sie und half ihr im Stillen. Sein geistiger Leiter war bei der Operation zugegen gewesen, und er sagte ihm, dass die Diagnose sauber gestellt worden war. 

Diese Dinge, so auch alle Gefühlsübergänge, würde er später durch Austritt erfahren. Er würde miterleben dürfen, wie der ausgetretene Mensch durch Hilfe aus dem Jenseits gelenkt wurde, wodurch die Rückkehr in den Stoff erleichtert wurde. Außerdem wollte Alcar der Menschheit klarmachen, dass es auch unter den Gelehrten Instrumente gibt, die als Medium dienen. Auch würde sein geistiger Leiter ihm den großen Nutzen der leichten Narkose zeigen, wobei die edlen Organe geschont und ihre Kräfte erhalten werden, wenn der Geisteskörper seine Funktion im Stoffkörper wieder aufnimmt. Er würde ihm das für die Wissenschaft große Geheimnis offenbaren, wenn der Stoffkörper unter Narkose gebracht worden war und der Geist ihn verlassen hatte. Viele Menschen, die sich einer Operation unterzogen, traten aus, und ihnen wurde im Geiste geholfen. Davon wusste man auf Erden wenig. 

Die Patientin hatte versprochen, dass sie ihm schreiben werde, doch es kam einfach keine Nachricht von ihr, obwohl er schon zehn Tage wartete. „Merkwürdig“, dachte er, „alles ist doch in Ordnung. Sollte etwas Ernstes geschehen sein?" Warum schrieb man ihm nicht, er fühlte doch mit ihr mit, und er half ihr mit Liebe? Er fragte seinen geistigen Leiter, ob etwas Besonderes geschehen sei, aber Alcar beruhigte ihn. „Dann werde ich eben abwarten“, dachte er. 

Eines Nachmittags bekam er Besuch von einem Herrn und einer Dame. Diese baten ihn, über sie eine Diagnose zu stellen. Doch im selben Augenblick hörte er, dass Alcar sagte: „Sage ihm, dass es ihr linkes Knie ist, und dass sie zu lange damit gewartet hat.“ André gab diese Botschaft durch, und sie beide fanden es äußerst merkwürdig. 

„Können Sie sie heilen?“, fragte ihn der Herr. 

„Ich kann die Schmerzen lindern, aber völlig gesund machen kann ich sie nicht.“ André hörte ihn über Diathermie sprechen, wovon er nichts begriff. Doch wieder hörte er Alcar sagen: „Wärmestrahlen, mein Sohn, aber es kann ihr nicht helfen. Wir können ihren Zustand durch magnetische Bestrahlungen mildern. Es gibt eine Möglichkeit, durch Lebensfluidum, wodurch ihre Schmerzen aufhören werden.“ André gab auch diese Botschaft durch, womit sie zufrieden waren. 

Plötzlich sagte Alcar ihm, dass er gut aufpassen solle. 

„Konzentriere dich auf mich und lasse mich sprechen. Kein Wort, kein Gedanke darf den meinen verdrängen. Lausche wie noch nie zuvor.“ So hatte André seinen geistigen Leiter noch niemals sprechen hören. Was sollte dies zu bedeuten haben? Drohte Gefahr? 

„Bald“, hörte er, „wird dir alles klar werden, nun aufgepasst. Du wirst auf visionärer Abstimmung sehen. Ich lasse dich also sehen, was ich sehe und wahrnehme. Du siehst durch mich, ich übertrage es auf dich.“ Alcar hatte deutlich gesprochen, und der Mann hatte davon nichts gehört. „Öffne dich ruhig und gefasst“, hörte André noch, „und nun: sieh auf ihn.“ Er tat, was Alcar ihm sagte. Im selben Augenblick verstand er, wozu dies alles diente. Alcar wachte über ihn, wie eine Mutter über ihr Kind. Er sah, wie in dem Herrn die Dame aus Genf erschien. Er sah deutlich, wie sie sich in ihm manifestierte und er begriff, dass dieser Herr etwas mit ihr zu tun hatte. Nur was? Sogleich sah er, was auf das erste Bild folgte, wodurch er verstand wer und was derjenige war, der ihn aufsuchen kam. „So“, dachte er, „dieser Herr will mich auf die Probe stellen.“ Er sah ihn scharf an und fragte ihn geradeheraus, was Alcar ihm diktierte: „Sind Sie Arzt?“ 

„Ja“, war die Antwort. 

„Aber ich sehe noch mehr“, ließ André darauf folgen, „nämlich, dass Sie der Chirurg Ihrer eigenen Schwester gewesen sind. Ist es so?“ 

Der Mann errötete bis hinter die Ohren und sagte, dass dem so sei. 

„Wunderbar, mein Herr, wie finden Sie dies alles?“ 

„Seltsam“, sagte er, „es ist seltsam.“ 

Doch André spürte, dass er mit sich selbst keinen Rat wusste. Er fühlte sich wie eine Maus in der Falle. Er aber dankte seinem großen geistigen Leiter im Stillen für dessen Schutz. Der Mensch, den man tot wähnte, durchschaute den Lebenden, sie wussten alles – was er, André, nicht gekonnt hätte. Wie groß war alles, und wie einfach. Wie fein und sauber sie in ihrem Können waren. Dieser Beweis sollte zur Überzeugung von einem ewigen Fortleben genügen. Doch der Gelehrte hatte schon bald seine Fassung wiedergewonnen und sich mit einem Schleier des Geheimnisvollen umhüllt. 

André fuhr fort: „Denken Sie, Doktor, dass ich ein Quacksalber bin? Ist dies kein wahres Hellsehen? Würde ich auf diese Weise der Menschheit nicht helfen können? Tue ich verkehrte Dinge?“ 

Er bekam keine Antwort. 

„Zweifeln Sie am Zustand Ihrer Schwester? Die Operation ist gelungen, nicht wahr? Ich sollte von ihr eine Nachricht erhalten haben, habe aber noch nichts von ihr vernommen. Und nun kommen Sie hierher, um mich zu kontrollieren?“ 

André spürte, dass dies dem Anderen sehr unangenehm war, und er fuhr fort: „Höre ich noch etwas von Ihrer Schwester?“ 

„Absolut“, war die Antwort, „Sie hören von ihr.“ 

„Kann ich mit Ihnen von Mensch zu Mensch reden?“ 

„Was meinen Sie damit?“, fragte er und André sah, dass der Schleier immer dichter wurde. 

Dennoch fuhr er fort: „Ich meine den Gesundheitszustand Ihrer Schwester.“ 

„Aber was meinen Sie damit?“, wiederholte der Arzt seine Frage. 

„Ich meine hiermit“, fuhr André fort, „dass ich gerne von Ihnen wissen wollte, ob ich richtig gesehen habe. Sie sind Chirurg, Sie können es also wissen.“ 

Doch der Gelehrte ging nicht darauf ein und redete um den Brei herum. Alcar sagte ihm: „Spreche über Grade, mein Sohn, das wird ihn neugierig machen; auf diese Weise wirst du den Schleier des Geheimnisvollen durchdringen. Ich werde dir dabei helfen.“ 

„Sehen Sie mal, Doktor, Sie haben bei Ihrer Schwester etwas weggenommen, nicht wahr? Doch Sie sind nicht zum Kern ihrer Krankheit durchgedrungen. Ist es so?“ 

Der andere wollte nicht reden, und wieder fragte er: „Was meinen Sie eigentlich damit?“ 

André sagte: „Ich meine, dass Sie ihren inneren Zustand nicht ändern können, da sie sich zwischen dem dritten und vierten Grad ihres Krankheitszustandes befindet.“ 

„Was sagen Sie? Grade?“ 

„Ja“, antwortete André, „Grade, Doktor. Sind Ihnen jene Grade nicht bekannt? Sie befindet sich nun einmal in diesem Zustand, aber sie kann damit alt werden.“ 

Er machte ihm nun ihren Zustand klar, fühlte aber, dass der Doktor nicht darauf einging, da er sagte: „Ich weiß es noch nicht, wir sind dabei, es zu untersuchen.“ 

Alcar sagte ihm jedoch, dass er es ganz sicher wusste, aber nicht reden wollte. Er wollte noch einen letzten Versuch wagen und fuhr fort: „Wenn Sie also nichts über Grade wissen, darf ich dann einmal nach Gr. kommen und Ihnen, den Gelehrten, erzählen, wie ich diese Krankheit sehe, und was getan werden könnte, um sie zu bekämpfen? Es ist nicht meine Absicht, Sie etwas zu lehren, aber vielleicht sehe ich etwas, was Ihnen für diese Krankheit von Nutzen sein könnte.“ 

Er bekam zur Antwort: „Ich finde es außergewöhnlich interessant und werde Meldung davon machen; auch werden Sie von meiner Schwester hören.“ 

Der Gelehrte ging fort und kehrte nicht zurück. Alcar sagte ihm, dass er von keinem von beiden etwas hören würde. Er wartete lange, doch es kam keine Nachricht. Er hatte durch Liebe geholfen, doch der Gelehrte hatte jene Verbindung abgebrochen. 

Alcar sagte: „Es gibt Gelehrte, die wohl Liebe besitzen, aber er gehört nicht zu denen. Dieser ist nicht zu überzeugen.“ 

Und André dachte an Alcars Worte: „Was heißt es, gelehrt zu sein auf Erden und arm an geistigem Gefühl?“ 

Die Geister wissen und sehen alles.