Lebende Tote
André dachte über alles nach, doch ihm schwindelte. Welch eine Weisheit besaß sein geistiger Leiter. Wer war er, dass er ihn kosmisch verbinden konnte? Er hatte ihm die Frage gestellt, wie Alcar über die Geistlichkeit der Erde dachte, um diese Weisheit empfangen zu dürfen. Wie groß war Alcars Gefühl, welch eine Ehrfurcht empfand er vor der Liebe. Er konnte Gott nicht genug danken, dass er mit ihm die Sphären besuchen durfte. Er verglich sich selbst mit all diesen Kräften, die das Leben besitzen konnte. Was war er in diesen Millionen von Kräften, verglichen mit all dem? Nichts, nichts war er; wie viel hatte er noch zu lernen! Wie nichtig war alles, was er besaß, das sein Ich bedeutete. Und wie erst der Mensch auf Erden? Was war irdische Gelehrtheit, wo blieb alles bei dieser Wahrheit? Es war noch gar nichts, und nichts davon blieb übrig. Das Leben, das auf Erden lebte, wusste nicht einmal, dass es lebte; wie weit waren sie noch von dieser Wissenschaft entfernt. Nun begriff er, dass auf Erden keine reine Liebe gegeben werden konnte. Wir waren noch nicht so weit, spürten jene Wärme nicht und kannten jene Kräfte nicht, die solch eine Liebe besitzen sollte. Alles was der Mensch und auch er empfand, war Egoismus, nichts als Selbstliebe. Das menschliche Niveau war ein dritter Grad der Entwicklung. Jener Grad bedeutete Liebeskraft. Was wusste man auf Erden über Grade, über geistige Grade? Nichts wussten sie, sie kannten weder kosmische Grade von unterschiedlicher Mentalität noch empfanden sie sie. All das war für den Menschen unsichtbar, wie für ihn Alcars Liebeskräfte unsichtbar und unfühlbar waren.
Was war universelle Liebe? Konnte man das auf Erden in Worte fassen oder umschreiben? Es war nicht möglich, weil sie nicht einmal ihr eigenes Leben kannten. Man sprach dort über vierdimensionale Zustände und kannte nicht einmal seine eigene Abstimmung, und verstand auch nicht, was es bedeuten und vorstellen sollte. Man rätselte darüber, wie diejenigen, die das Weltall berechnen wollten und Zahlen gegenüberstanden, die sie nicht einmal aussprechen konnten. Es waren Tausende und Millionen von Zahlen, die man jahrelang nacheinander aussprechen konnte, ohne dass man ans Ende kam. Diese Wissenschaft war so weit von ihnen entfernt, aber trotzdem wussten sie Zahlen zu nennen. Und die universelle Liebe war so weit vom Menschen auf Erden entfernt. Auch er kannte nicht einen dieser Zustände und Alcar sagte auch, dass er, was die Liebe angeht, noch ein Kind sei.
André verstand, dass das größte Studium der Menschen war, dass sie sich selbst kennen lernten. Alcar hatte ihm einen Spiegel vorgehalten, in dem er das Leben kennen gelernt hatte. Und welch ein Leben! Ihm schwindelte davon. Und war es nicht die Wahrheit? Spürte nicht jedes Wesen, dass es so sein konnte? War es keine Lebensfähigkeit, die das Leben fühlen konnte? Fühlte das Leben etwas anderes? Aber was? War eine andere Theorie möglich? Er fühlte und glaubte Alcar, da seinem geistigen Leiter alles heilig war und er alles Leben liebte. Und diejenigen, die liebten, würden nicht über andere Leben, welche jene Höhe noch nicht fühlten, spotten. Nein, es war weit von ihm entfernt, dennoch stimmte es auch ihn glücklich.
Gleichzeitig spürte er jedoch Tausende von anderen Zuständen in sich hochkommen, die ihm zuwider waren. Denn was war auf Erden schon Besitz? Was war der Mensch? Ein Atom des Großen, das Gott bedeutete. Wie nichtig, doch wie groß wollte und konnte er sein. Alcar sagte ihm, dass der Mensch auf Erden froh sein sollte, dass er dort sterben durfte. Hören Sie das? Wir sollten froh sein, dass wir dort sterben dürfen. Ist es für viele nicht ein Schrecken, um hören zu müssen, dass sie froh sein sollten, dass sie sterben dürfen? Sollte man froh sein, dass man hinübergehen durfte? Hatte er Alcar wohl klar und deutlich verstanden? Ja, denn er sagte, Gott hat ein anderes Glück für das Leben, das auf dem Planeten Erde lebt.
Und was taten die Menschen? Sie heulten, ja, viele waren gebrochen, wenn ein alter Mensch hinüberging und sie verlassen sollte. Sie waren vor Kummer gebrochen und gingen durch ihren Kummer zugrunde. Wie lange sollte es noch dauern, ehe sie so weit waren, dass sie ihre Lieben, die in ein höheres Leben gingen, freudig und frohgemut hergeben konnten? Wie lange dauerte es noch, um keine Selbstliebe mehr zu besitzen? Wann würden Menschen auf Erden leben, die diese Weisheit innerlich trugen? Wann würde man ausrufen können: ‚Grüße diejenigen, die bereits hinübergegangen sind‘? Wann würden sie das können? Es sollte noch Tausende von Jahren dauern, so lange noch foltert sie der Tod. So lange noch würden sie weiterhin ihr vortierisches Wesen mit ihrem Kummer, mit ihren Tränen und ihrem Leid nähren. Es saugte sie leer, nahm ihnen alle Lebenssäfte. Jener Gedanke war tierisch. Sie erschauderten und bebten vor dem Tode.
André wusste es jetzt wohl besser. Das Wort ‚Tod‘ war der Fluch im Wörterbuch. Es besudelte alle anderen Gedanken, die mit dem Leben zu tun hatten. Das Wort ‚Tod‘ erstickte alles und nahm den Lebenden die Kraft, um fortleben zu können, wenn sie ihre Lieben verloren hatten. Nein, es gab keinen Tod, der Tod hatte nie und nimmer existiert. Der Tod war eine Fiktion. Der Tod war nichts und alles, der Tod bedeutete Leben. Der Tod lebte, wie konnte das sein? Hier blickte er in das Leben nach dem Tode – schon wieder das Wort ‚Tod‘! Im Leben nach diesem Leben lebten die Menschen fort. Ewig, auf ewig zusammen mit denen, die bereits hier waren und erneut lebten.
Für ihn bedeutete der Tod Leben. Erhaben war jenes Leben. Oh, wie schön fand er den Tod. Er war mit ihm befreundet, es war sein bester Kamerad, außer Gott und außer seinem Alcar. Dann kam er; und am meisten, ja, am meisten liebte er den Tod, weil er ihm das Leben gab. Für ihn war der Tod Gott – eins mit Gott, das war der Tod. Im Stillen sprach er so oft zu ihm. Und er beneidete jeden, der hinüberging. Er war auf nichts neidisch, er beneidete lediglich diejenigen, die sterben durften.
Oh Tod, du schönes Leben, das hinter dir verborgen liegt. Du mächtiger Befreier. Ich habe dich lieb, weil du das Leben bist und bedeutest. Alles was in mir ist gehört dir, du spürst mein Verlangen nach dem Augenblick, da du mich holen kommst – was für mich nichts als Glück, nichts als ewiges Glück bedeuten wird. Tod, oh teurer Tod, ich kenne dein Leben, weil ich mit ihm mitgehen durfte, um dich kennen zu lernen. Die Menschen auf Erden haben dir jenen Namen gegeben, da sie in dir, oh Tod, weder Leben sehen noch spüren. Wie oft, wenn er an Sterbebetten stand, sang er dieses Lied und beneidete er diejenigen, die hinübergingen. Dann spürte er ihr Leid, ihren Schmerz, doch auf eine andere Weise. Dann war er eins mit denen, die das Leben und den Tod kennen lernen sollten.
Oh, wenn der Augenblick kommen sollte, da auch er gehen durfte, dann würde er durch seine Macht leben dürfen, wie er leben wollte, dann gab er sein Blut für andere, die es auf Erden nicht von ihm annehmen wollten.
Wenn es nur nicht so lange dauern würde; er verlangte bereits jetzt danach. Das war das größte Geschenk, das man ihm auf Erden machen konnte. Alcar sah ihn an und sagte:
„Es wird noch ein Weilchen dauern, mein Junge, ehe für dich das große Glück kommen wird. Wir haben noch viele Menschen zu überzeugen, dass Sterben nichts als Glück bedeutet. Den Menschen wird schwindeln, wenn sie das hören, doch dann werde ich ihnen zurufen, dass es auch für uns Mächte gibt, die uns vor Ihm niederknien lassen, der all dies regiert. Wir sind auf dem Weg, uns zu entwickeln, auch diejenigen, die sich in den höchsten Himmeln befinden. Und erst dann, wenn wir die mentalen Gefilde erreicht haben, werden wir vieles, was jetzt noch unverständlich für uns ist, erfühlen und in uns aufnehmen – wonach wir dann handeln werden. All das wird dann Weisheit im Geiste sein. Alles andere ist auch für uns noch in Dunkel gehüllt.
Nunmehr befinden wir uns in einer anderen Sphäre, da, wo die lebenden Toten der Erde leben.“
André sah ein Land, das der Erde glich, wie sein geistiger Leiter es ihm erklärt hatte. Es war in einen grauen Schleier gehüllt. Kalt und unfreundlich war es hier. Hier gab es wieder mehr Leben als in den anderen Sphären; trotzdem war alles noch in einem unnatürlichen Zustand. Auf Erden war alles grün – hier war es ein graues Kleid, das die Natur trug.
Er sah Menschen, alle waren alt, mit gekrümmtem Rücken. Sie trugen das Leid der Erde. Es lastete auf ihren Schultern, sie gingen daran zugrunde. Sie gingen daran zugrunde. Junge, muntere Menschen sah er nicht, diese waren hier nicht vorzufinden. Hier lebten nur Alte, innerlich waren sie alt und abgelebt. Kinder gab es hier auch nicht. Es war schon fremd, um nichts als Alte zu sehen. Wo Menschen lebten, da lebte doch alles, lebten auch Kinder, auch junge Menschen? Es kam ihm äußerst seltsam vor. Wie konnte das eigentlich sein, war das möglich? Was bedeutete das? Es war furchtbar, sie so zu sehen. Nun dachte er an Alcars Erläuterung von all den anderen Sphären: Sie trugen dieses Alter innerlich, es war ihre geistige Abstimmung. Er sah auch viele Häuser und Gebäude. Auch Kirchen sah er und in der Ferne gewahrte er eine kleine Stadt. Kahl und alt war alles. Auf Erden war alles schöner; und da sollte man sich in der Ewigkeit wissen! Dieser Zustand war traurig. Auf Erden hatten sie es hundertmal besser als in der Ewigkeit.
„Wo sind die jungen Menschen, Alcar, die ich hier nicht sehe?“
„Sie leben in anderen Sphären; nachher werde ich dir erzählen, wie all die Abstimmungen sind. Alle haben eine andere Abstimmung.“
André begegnete den Menschen, die hier lebten. Sie sahen ihn an, als wenn er für sie ein Wunder wäre. Das fiel ihm deutlich auf.
„Was bedeutet das, Alcar? Sieh nur wie sie uns anglotzen!“
„Auch das ist einfach, mein Sohn, sehen wir so alt aus wie sie?“
André verstand.
„Wir befinden uns in einer Abstimmung, die eine andere ist als die sie besitzen. Wenn wir uns in eigener Kraft zeigten, würden sie glauben, dass sie Wunder sehen, was du nachher erleben wirst. Es ist die Verdeutlichung dessen, was ich dir über alle andere Planeten mitteilte. Du siehst, dass sie auch hier ihre Häuser und Kirchen bauen. Sie tun es nach den Kräften, die in ihnen stecken, doch ihnen fehlen die Mittel, um etwas Schönes zustande zu bringen. Komm, wir gehen hier entlang, um das Städtchen zu umgehen. Dort finden wir sie nicht.“
Viele Wesen schlenderten umher, ihren Kopf gesenkt, als glaubten sie etwas zu finden. Es war traurig, sie so zu sehen.
„Was suchen sie, Alcar?“
„Sie suchen nichts, André. Es sind diejenigen, die bald in eine höhere Sphäre gehen werden. Sie fühlen sich unglücklich. Sie empfinden Reue und wollen alles wieder gutmachen, was sie falsch gemacht haben. Bald wird ihnen die Gelegenheit geboten, um Gutes zu tun. Sie sondern sich von allen anderen ab, ihr Leben widert sie an, sie spüren ein höheres und anderes Leben. Dazu kommen helfende Geister hierher, die ihnen helfen werden und ihnen den Weg weisen, um hinübergehen zu können. Andere jedoch leben in vollkommenem Glück, was deutlich zeigt, dass sie ihr eigenes Leben nicht kennen und nicht von ihrem armseligen Dasein überzeugt sind.“
Der Himmel war in einen grauen Schleier gehüllt, kein Wölkchen war zu sehen. Wo war das wunderschöne Blau, das man auf Erden am Himmel sah? Traurig war alles, was er in dieser Sphäre wahrnahm. Auch Berge und Ebenen sah er. Alles wartete auf Wärme; keine Sonne, die das Leben durch ihre Strahlen erwachen ließ. Alles wartete auf jene ersten Strahlen, durch die das Leben belebt würde, sich in warme, sanftere Farbtöne verwandeln würde. Alles war umflort; unbelebt war alles, so auch diejenigen, die hier lebten.
Arme Menschen waren sie. Es war traurig, sie so zu sehen. Hier würde er sich nicht glücklich fühlen können, da war es auf Erden besser. Diejenigen, die er auf Erden so oft sagen hörte – wenn er mit ihnen über das Jenseits sprach –, dass sie doch lieber dort blieben, da sie jetzt wüssten, was sie hätten und mal abwarten müssten, was sie bekämen, hatten Recht: Falls sie in diesen Zustand kommen sollten, war es auf Erden besser. Dort waren viele glücklich. Sie spürten nichts von ihrem eintönigen Dasein. Sie hatten es gut, wollten es nicht anders. Darum waren sie auch ‚tot‘. Er begriff ihr ‚lebendiges Totsein‘ erst jetzt so richtig, da er sie wahrnahm.
„Sieh, André, dort sind die Bewohner dieser Sphäre.“
André sah ein großes Tal, wo Hunderte versammelt waren. Was machten sie dort? Er sah Männer und Frauen beisammen, alle alt und verschrumpelt.
„Wir haben es getroffen“, sagte Alcar, „es werden Versammlungen abgehalten. Auch auf Erden tun sie das. Du siehst, wie natürlich ihr Leben ist. Hier werden wir bleiben, vielleicht hören sie auf uns. Ich will versuchen, ihnen zuzusprechen, und du mein Junge wirst mir dabei helfen, nicht wahr?“ André sah seinen geistigen Leiter an, als wollte er sagen: „ich soll ihnen zusprechen?“
„Ja, André; würdest du ihnen nicht erzählen wollen, was ich dich sehen ließ und dir noch zeigen werde? Falls es uns gelingt, so öffne dich, ich werde dir zur Seite stehen. Ich will sehen, ob du in all den Jahren, die wir zusammen waren, gelernt hast. Und auch, ob du Schwierigkeiten überwinden kannst. Wenn wir ein einziges Wesen überzeugen können, wird unser Werk bereits belohnt sein, weil wir dadurch zeigen, wie dankbar wir sind, dass Gott uns all dieses Schöne geschenkt hat. Biete dazu all deine Kräfte auf, André. Wirke auf sie ein und versuche den einen mit dem anderen zu verbinden. Lasse sie deine Liebe spüren, führe sie empor und verbinde sie mit dem Leben und versuche ihre kalten Herzen aufzutauen. Denke daran, André, alles hängt von deiner Überzeugung, deiner Konzentration und deinem starken Willen ab, anderen etwas zu geben. Hab vor allem keine Furcht. Lasse sie empfinden, was du empfindest, sehen, was du siehst, und hören, was du hörst.“
André war aufgeregt. Was würde von all dem zurechtkommen?
Alcar sagte ihm: „Du bist bereits jetzt unter ihrem Einfluss, mein Sohn. Lass sie denken, was sie wollen, schließe sie in dein Herz, nimm sie in dein Gefühl auf, empfinde ihnen gegenüber Liebe, Liebe wirkt Wunder. Wenn du zweifelst, müssen wir weitergehen, weil auch sie uns angreifen werden, da sie uns als Eindringlinge betrachten. Warum die Angst, André? Können sie dich etwas lehren? Schätze dich selbst nicht zu hoch ein, doch vor allem nicht zu gering. Es würde deinen Untergang bedeuten. Wenn du mehr Liebe empfindest als sie, ist nichts zu befürchten. Ich gehe nun.“
André war alleine. Dort vor ihm waren Hunderte von Wesen beisammen, und in der Ferne kamen noch mehr zu diesem Ort. Sollten sie sich hier versammeln? Sie waren ‚lebende Tote‘. Er, als irdischer Mensch, wusste mehr über die Ewigkeit als sie. Er hatte im Sommerland seine Tante gesehen, welche die Erde alt verlassen hatte und verjüngt und schön dort angekommen war. Sie hatte ihren geistigen Zustand gleich als sie ihr Stoffkleid abgelegt hatte angenommen. Sie war jung und schön in diesem Leben – und wie waren sie? Diese Wesen hatten gekrümmte Rücken, waren alt, und alles wegen Mangels an Liebe. Oh, er verlangte bereits danach, dass es so weit war, dass er anfangen durfte. Sehnlichst verlangte er danach, ihnen die Augen öffnen zu dürfen. Er spürte, dass er ruhig wurde, eine herrliche Ruhe überkam ihn. Dort vor sich sah er einen großen Menschen, gekleidet wie ein irdischer Geistlicher. War er eines jener Wesen, die auch hier über Hölle und Verdammnis predigten? Er entfernte sich von allen anderen und nahm auf einem erhöhten Podest Platz. Sollte auch er eine Rede halten? Und wo war Alcar? Nirgends sah er seinen geistigen Leiter. Der Geistliche sah ihn an und André spürte, dass er in ihm einen Fremden sah, der nicht hierhin gehörte. Es war als fragte er ihn, was er hier so allein treibe. Scharf war sein Blick, als wollte er ihn durchbohren. Er widerstand jenem grausamen Blick und spürte wie kalt es in ihm war.
Da war Alcar, sein geistiger Leiter kam aus ihrer Mitte hervor. Alcar trat auf den Geistlichen zu und wechselte einige Worte mit ihm. Deutlich hörte er Alcar fragen: „Dürfen wir ihrer Gemeinde zusprechen?“ Der Geistliche sah seinen geistigen Leiter von seinem erhöhten Podest aus provozierend an, die Arme vor der Brust gekreuzt, und es dauerte einige Sekunden, ehe er antwortete.
André hätte wohl auf ihn losstürzen wollen und ihm zurufen: „Siehst du nicht, wer dort vor dir steht?" Musste dieser Mann seinen geistigen Leiter so mit Verachtung behandeln? Das war doch nicht nötig! Ach, wie sollte sich Alcar fühlen? Endlich sprach er und seine Frage war barsch: „Wer bist du?“ „Wir“, hörte er Alcar sagen, „sind deine Brüder und kommen aus einem anderen Land in Liebe zu euch, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Der Geistliche lächelte sarkastisch. Er stand noch immer da und blickte auf ihn herab wie Nero seinerzeit auf Rom. Tiefe Furchen lagen in seinem alten Antlitz. Endlich sprach er. Es war ein spannender Augenblick. Wie einfach war Alcar, und in all seiner Einfalt wartete er ab, wie seine Entscheidung sein würde. André empfand Alcars Auftreten als eine Lebenslehre: Allein mit Liebe würde man etwas erreichen können.
„Kommst du im Namen Gottes?“ Diese Worte peitschten seine Seele, weil sie so kalt ausgesprochen wurden. Dieser Unglückliche fragte seinen geistigen Leiter, ob er im Namen Gottes käme. Siehst du, das war der Mensch. Wie er sich fühlte! Alcar blickte ihn ehrfurchtsvoll an und antwortete: „Wir kommen im Namen Gottes zu euch, wie ich dir bereits sagte, im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Ich gebe dir eine halbe Stunde“, war seine Antwort. André dachte, „das ist nicht viel." Diese Zeit würde sein geistiger Leiter selbst benötigen. Jedenfalls war er einverstanden, die Würfel waren gefallen und Alcar kam zu ihnen und sprach der Menge zu: „Brüder und Schwestern. Ich habe von ihrem geistigen Leiter die Erlaubnis erhalten, ihnen zuzusprechen. Wenn Sie alle bitte Platz nehmen wollen, können wir beginnen.“
Die Wesen sahen ihn an, als wenn Alcar ein Wunder wäre. Auch der Geistliche hatte sich merklich verändert.
Alcar sprach ihnen mit seiner sanften, aber klangvollen Stimme zu: „Warum, liebe Freunde, ist der Mensch an seinem Unglück schuld? Warum, frage ich Sie, kennt der Mensch sich selbst nicht, während Gott ihm einen denkenden Intellekt gegeben hat? Gott stellte den Menschen über das Tier, und das Tier fühlt, wo es hingehört, der Mensch jedoch nicht. Das Tier wird nicht absinken, es wird stets so leben, wie es empfindet, denn sein Gefühl weist ihm den Weg und sagt ihm, wie diesem zu folgen ist. Und wie handelt der Mensch? Die Liebe des Tieres ist eine Liebe, die in voller Kraft gegeben wird. Aber was tun wir? Geben wir stets unsere reine Liebe? Geben wir sie mit ganzer Kraft? Doch wohl kaum. Liegt in uns nicht eine Kraft, die uns immer wieder zu uns selbst zurückführt? Und ist das nicht unser eigenes Ich? Gott stellte den Menschen über das Tier und gab ihm göttliche Kraft, einen Verstand, in größerem oder geringerem Maße. Und gebrauchen wir stets diesen Verstand, um unseren Weg zu gehen? Keiner von uns tut es. Kommen wir nicht stets von unserem Weg, Gutes zu tun, ab? Schenkt das Tier da keine bessere Liebe als wir, als der Mensch im Allgemeinen? Habe ich zu viel gesagt? Kennt sich das Tier denn nicht besser als wir uns kennen? Lebt das Tier nicht bewusster? Und sind wir uns unseres eigenen Zustandes bewusst?
Ist es nicht furchtbar, nicht traurig, dass wir dem Tier so oft nicht näher kommen können? Spüren wir nicht so oft diese Mängel, liegt das nicht an uns selbst? Gott gab uns einen denkenden Intellekt, eine Kraft wie Er es selbst ist. Gott schenkte uns die Gnade, eine eigene Persönlichkeit zu sein, eine göttliche Gnade, die jeder Mensch empfängt. Doch wir müssen aufpassen, dass wir nicht untergehen. Gott gab uns den Verstand. Und dient dieser Verstand der Heranbildung unseres eigenen Ichs? Dient er der Bildung einer Aureole von Selbstliebe und Egoismus? Ist das nicht unser Untergang? Sagt es uns nicht, dass wir das Leben nicht begreifen und uns zu sehr in den Vordergrund stellen? Wollen wir nicht die Person sein, um die sich alles dreht, wodurch wir unser Gleichgewicht verlieren? Je nachdem, wie unsere Erfahrungen sind, werden wir uns selbst zur Wahrheit zurückführen. Dadurch lernen wir uns selbst kennen. Würden Sie mir gegenüber nicht zugeben wollen, dass Gott uns diesen Verstand zu anderen Zwecken gegeben hat? Wir sagen so oft: ‚Mensch, gebrauche deinen Verstand!‘ Und dieser Verstand dient dazu, dass wir uns mit Gott verbinden. So meint Gott damit: Mensch, mache Gebrauch von der göttlichen Gabe, welche du empfangen hast, um deinen Weg ins Licht zu suchen, in Sein Heiliges Land der ewigen Liebe. Gott gab uns den denkenden Intellekt und stellte uns über das Tier, um anderen etwas zu bedeuten. Doch ist unser erhöhtes Gefühl nicht unser Unglück? Mensch, fühle deine göttliche Gnade und lebe durch das Leben. Gebrauche deinen Verstand nicht für dich selbst, sondern fühle deinen Zustand heraus und handele nach deiner höheren Einsicht. Mensch, lebe. Erwacht, Freunde! Gott gab euch die große Gnade, um euch auf Ihn abzustimmen, was allein durch Seine heilige Kraft möglich ist, die in uns liegt. Freunde, schärft euer Verständnis für jedermann, für alles was lebt, trachtet euch über das Tier zu erheben. Behaltet eueren Verstand nicht für eueren persönlichen Egoismus, sondern werdet Altruisten der Menschheit, um dem Leben zu dienen. Gebraucht euere Kräfte, um euere Seele, eueren menschlichen Egoismus der Leidenschaft und Gewalt zu retten und trachtet daraus als Sieger hervorzutreten. In jedem Leben gibt es Kampf, Kampf, um dich selbst kennen zu lernen. In euch sollte der Drang, um emporzukommen, liegen. Das ist euer geistiges Leben, das euch näher zu Gott führt. Das ist der Kampf, um in die höheren Sphären eintreten zu können. Der Mensch muss immer höher empor. Doch viele haben einen Weg eingeschlagen, der in die tiefe Finsternis führt. Sie haben ihren Verstand verkehrt angewendet. Ihre Wege waren Wege, die nicht zu Gott führten. Sie bewegen sich im Kreis, aus dem sie mit ihrem Verstand nicht herauskommen. Doch je mehr ihr euch übt und euren Verstand zu gebrauchen lernt, desto mehr wird sich euer Gefühl entwickeln, was für euch Glück sein und Licht bedeuten wird. Mensch, gebrauche deinen Verstand, um dein Gefühl im Geiste zu entwickeln.
Bahnt euch einen Weg, Freunde, durch alles hindurch. Und wisset, dass Gott euch all die Schwierigkeiten auf den Weg gelegt hat, und dass ihr diese Schwierigkeiten überwinden müsst. Wisset, Freunde, dass euch bessere und schönere Sphären erwarten, von denen mein Bruder euch gleich erzählen wird, die ihr erreichen könnt, wenn ihr die Kräfte zu gebrauchen wisst, die Gott euch gegeben hat. Kämpft, Freunde, für eurer eigenes Ich, doch geht nicht daran zugrunde. Trachtet euch selbst zu überwinden. Wisset, dass Gottes heilige Kraft in euch ist, dass Er euch Sein heiliges Leben gegeben hat.
Wacht auf, denn euer Leben ist ewig. Erwacht aus eurem Tiefschlaf, Gott ist in euch. Ruft um Hilfe, bittet Gott um Kraft, auf dass es euch hilft, eueren Weg zu finden.
Und wenn ihr euch in Demut beugt und alles zu Gottes Füßen legt, dann dürfte auch für euch alles anders werden.
Betet, Freunde, betet oft; bittet darum, dass ihr die Kräfte, die in euch stecken, kennen lernen dürft. Betet, dass Gottes Licht euch stets bescheinen möge, dass ihr einst mit ganzer Kraft sehen werdet. Es ist Gottes Wille, dass seine Liebe gebraucht wird, um anderen zu helfen, um andere zu erwärmen, die Seine Liebe noch nicht spüren. Wisset Freunde, dass ein Emporkommen möglich ist.
Gott gab euch einen denkenden Intellekt, die Gnade, um ewig zu leben. Lernt eueren Verstand im Dienste Gottes zu gebrauchen, wenn es euch auch noch so schwer fällt. Lernt zu vertrauen, dass Gott, in seiner unendlichen Güte, euch allen helfen wird, um euch das ewige Glück zuteil werden zu lassen. Amen.“
Tiefe Stille herrschte unter ihnen. Alle sahen sie Alcar voller Verwunderung an. Sie empfanden tiefe Ehrfurcht vor allem.
Blitzartig kam es in André: „Spreche über die Natur und verbinde sie mit dem Leben.“ Er begann auf der Stelle, und er spürte, dass ihm geholfen wurde.
„Schwestern und Brüder! Wir kommen aus einem anderen Land, um Ihnen zu erzählen, wie schön es bei uns ist, und wir bitten Sie, unser Land zu besuchen. In unserem Land ist es wunderschön, auch die Natur ist dort anders als hier. Der Himmel ist hell gefärbt und überall wachsen und blühen Blumen, die niemals verwelken, sondern ewig frisch bleiben.
Wir bauen unsere Häuser so, wie wir es selbst wünschen. Keines von ihnen hat die selbe Architektur. Das kommt daher, weil auch jedes Wesen anders ist, eine eigene Persönlichkeit besitzt. So wie wir uns unser Haus innerlich vorstellen, so wird es sein. Wir können unser Haus nach eigenem Wunsch zwischen den Bergen oder auf Ebenen, am Wasser und entlang der Flüsse bauen. Doch die Bedarfsgüter dazu können wir aus keinem anderen Land beziehen. Alles, was in unserem Lande wächst und lebt, können wir verwenden. Auch wissen wir, dass es in anderen Ländern, wo auch Menschen leben, nicht möglich ist, um aus anderen Ländern Baustoffe zu beziehen. Wir sind an Gesetze gebunden. Die Gesetze sind in Übereinstimmung mit dem inneren Zustand des Menschen, der dort lebt. Das bedeutet, dass wir unsere Kräfte nicht übersteigen dürfen oder können. Wir können die Bedarfsgüter aus anderen Ländern aus dem einfachen Grunde nicht verarbeiten, da bei uns ein anderes Klima herrscht, wodurch alles einstürzen würde.
Wir leben wie Brüder und Schwestern zusammen. In Liebe leben wir füreinander, und wir werden einander niemals etwas vorlügen oder einander betrügen, selbst nicht in Gedanken. Was euch fremd vorkommen mag, ist die Tatsache, dass wir es sofort wüssten, weil wir dem Gedankengang anderer folgen können. Darum sind alle ehrlich und ist ein Bruder oder eine Schwester allen anderen gegenüber offen, ganz offen. Wenn wir eine Schwester oder einen Bruder sehen, sehen wir uns selbst, weil wir ein und dieselbe Liebe besitzen und in Liebe eins sind, wodurch unser Leben nichts als Glück ist.
Wir widmen uns der Kunst nach Belieben und spielen miteinander wie Kinder. Wir machen Spaß und haben Freude, so schön ist unser Leben. Wir gehen in prächtige Gewänder gekleidet zu Festen, so auch zu Konzerten, wo verschiedene Meister beisammen sind und konzertieren. Sie spielen keine geschriebene Musik, sondern gemäß der Natur, die verschiedene Farbnuancen ausstrahlt. Die Meister sind eins mit der Natur, und so, wie sich alles Leben fühlt, geben es die Meister durch ihre wundervollen Instrumente wieder. Wunderbar ist es bei uns, und im Vergleich mit Ihrem Land kann man das unsere ein Paradies nennen. Wir haben prächtige Tempel und Gebäude, und was für Sie unglaublich sein mag: unsere Tempel widerhallen. Das bedeutet, dass sich der Klang ausbreitet, sodass man, auch wenn man sich nicht in dem Tempel befindet, dennoch dem Konzert folgen kann. Er breitet sich über Tausende von Meilen weit aus, da alles eins ist und Leben bedeutet. Wir kennen und besitzen viele Wunder, die wir alle verstehen, weil wir das Wunder innerlich spüren. So gibt es für uns keine Geheimnisse mehr, weil ein Geheimnis ein anderes Leben ist; und wenn wir jenes Leben erleben, werden wir es uns zu Eigen machen und wird es uns gehören. So gehen wir immer weiter, immer mehr empor, und danken unserem Gott für alles uns Gegebene.
Uns lacht das Glück in allem zu. Wir beten in der Natur, niemals in Gebäuden oder in Tempeln, weil die Natur Gott ist und wir uns Gott durch das Leben, das in der Natur lebt, besser annähern können, da es Gottes heilige Kraft ist, die in allem liegt. Und damit verbinden wir uns und werden in nichts gestört, weil unser Zusammensein Einssein bedeutet und wir uns in Einfalt und Natürlichkeit verbinden wollen.
So spüren wir Gott und trachten uns unserem allmächtigen Vater in Liebe zu nähern. Liebe ist für uns das Heiligste, das Schönste und das Mächtigste von Gott Geschaffene und uns Menschen Gegebene. Es ist die heilige Kraft, die Gott selbst ist. Und wenn wir andere lieben können, nähern wir uns Gott, weil Gott nichts als Liebe ist. Dann lacht uns alles entgegen und werden wir immer glücklich bleiben. Wir werden niemals alt. Alter kennen wir bei uns nicht. Ein Alter, ähnlich wie Sie es hier besitzen, ist uns unbekannt. Wir sind wie die Blumen, stets, ja ewig frisch. Wenn ich Ihnen nun von einem anderen Wunder berichten werde, so sage ich Ihnen im Voraus, dass Sie es unglaublich finden werden; doch ich sage Ihnen zugleich, dass es die Wahrheit ist, so wahr wie Sie leben. Wir und viele andere bei uns sind bereits Tausende von Jahren alt und dennoch jung, dennoch schön; und wir können kindlich sein, im reinsten Sinne des Wortes. Ist das nicht unglaublich? Dennoch sage ich die Wahrheit. Wir können nicht mehr altern. Innerlich sind wir alt, aber äußerlich sind wir jung. Unser Alter ist unsere Weisheit, die jedes Wesen bei uns besitzt. Wen Sie bei uns auch sehen oder sprechen werden – alle besitzen Weisheit, die sie innerlich tragen. Unsere Weisheit ist unser Gefühl, weil wir das Leben, das in allem liegt, herausfühlen und dadurch alles verstehen. Ich könnte Ihnen noch Tausende von anderen Wundern aufzählen. Bei uns waren viele Fremdlinge, die uns besuchen kamen, doch nicht mehr zu ihren Familienangehörigen zurückkehren wollten. Unsere Schönheit hielt sie gefangen. Sie verstanden einfach nicht, warum wir alle so jung waren und wollten gerne wissen, wie dies zu erreichen sei. Unsere Meister, die bei uns alles lenken, haben ihnen gesagt, wie es ihnen möglich sein konnte, um in unserem Lande verbleiben zu dürfen und ein junges Leben besitzen zu können. Sie sagten ihnen Folgendes: ‚Wir alle, die wir hier leben, lebten einst in einem anderen Land. Als wir noch dort waren, wurden wir von Fremdlingen, die uns aufsuchen kamen, von einem schöneren Land überzeugt, welches sie das Land der Liebe nannten. Sie sagten uns, dass wir alle aufbrechen sollten, um an unserer Pilgerreise zu beginnen. Sie erklärten uns, wie wir gehen mussten, und mit ihrer Hilfe sind wir zu Tausenden aufgebrochen, um ihr Land der Liebe zu erreichen. Gleichzeitig sagten sie uns, dass es schwer sein würde, da wir unterwegs viel zu leiden hätten. Doch einmal dort angekommen, sollte alles nichts als Glück bedeuten.‘
Zu Tausenden sind wir davongezogen, nur Einzelne kehrten um. Wir baten Gott um Kraft, dass er uns auf unserer schwierigen und schweren Reise beistehen möge. So zogen wir weiter, immer weiter, und das Wunderbare geschah: als wir uns dem Land der Liebe näherten, wurden wir immer jünger. Unterwegs teilten wir alles. In Liebe waren wir beisammen und denen, die nicht mehr weiter konnten, halfen wir und wir unterstützten sie mit allen Kräften, die in uns waren. Als wir ein gutes Stück vorangekommen waren, erwachten wir und verstanden, was die Fremdlinge meinten, da wir uns selbst kennen lernen sollten. Viele verstanden bereits, wie sie innerlich empfanden, wie ihre Abstimmung war, und dass sie sich nicht gekannt hatten, weil sie das Leben nicht gespürt hatten, das Gott in alles hineingelegt hat. Nunmehr lernten wir das Leben und unser eigenes Leben kennen; durch Leid und Schmerz, indem wir Schwierigkeiten überwanden. Es war nichts als Kampf, Kampf und nochmals Kampf; doch wir folgten und verstanden, dass uns höheres Glück erwartete. Das war an allem, wo wir uns befanden, zu erkennen, da wir inmitten des Kampfes verjüngten. So kamen wir in ein anderes Land, das allerdings noch nicht das Gelobte Land der Liebe war, wo die Fremdlinge lebten. Wir alle waren glücklich, dass wir unser eigenes Land verlassen hatten. Wie kalt war alles bei uns, verglichen mit dem, wo wir bereits waren. Trotzdem war es im Land der Liebe noch schöner. Und frischen Mutes zogen wir weiter, immer weiter, bis wir eines schönen Morgens das Land der Liebe betraten.
Wie glücklich waren wir. Oh, die ersten Augenblicke, als wir gleichsam erwachten, es war, als träumten wir, als wir spürten, wie groß Gottes Mächte wohl waren, wie viel Schönes Gott all Seinen Kindern beschieden hat.
Als wir Gottes heiliges Licht erschauen durften, knieten wir alle nieder und dankten Gott für all das Schöne. Lange beteten wir, das Haupt tief verneigt vor all dem Schönen, das uns gegeben wurde. Wir alle haben das Land der Liebe durch Kampf, durch Leid und Schmerz verdient. Wir alle begriffen, dass Gott nichts als Liebe ist. Gott ist Licht, Gott ist Leben. Alle waren wir jung, frisch und schön. Alle, nicht ein einziger ausgenommen, riefen aus vollem Halse: ‚Gott ist Liebe, Gott ist Licht, Gott ist Leben, ewiges, ewigliches Leben‘. Alle waren glücklich.“
André hatte glutvoll gesprochen. In Gedanken waren alle mit ihm verbunden. Auch der Geistliche strahlte, sein altes Gesicht widerspiegelte das Glück und das Verlangen, um dieses Schöne besitzen zu dürfen.
Ihre schmachtenden Blicke rührten ihn zutiefst. Dadurch spürte er, dass alle unter seinem Einfluss standen, und er spürte auch, dass er in diesem Augenblick Berge würde versetzen können.
Voller Begeisterung fuhr er fort:
„Unsere Meister sagten uns: ‚Kehrt zurück in euer Land und folgt dem Weg, dem wir und viele andere gefolgt sind. Weist ihnen den Weg, wie sie diesem zu folgen haben, und unterstützt einander auf eurer schweren Reise. Alles liegt an euch selbst. Ihr habt euer Glück selbst in der Hand. Und wenn ihr auf Kosten von viel Leid und Schmerz durchhaltet, könnt ihr bald hier sein, wo euch Tausende erwarten werden. Und wir werden sorgen, dass alles bereit ist, um euch zu empfangen. Alle, die unserem Wege folgen, können hier eintreten. Hier gibt es für jedes Wesen Glück, nichts als Glück. Euch erwartet ewiges, heiliges Glück. Vergesst aber nicht, dass ihr hier niemals eintreten könnt, wenn ihr euerem Weg nicht in Liebe gefolgt seid und nicht alles geliebt habt, was ihr auf euerem Wege begegnen werdet.‘“
André sah, dass der Geistliche von seinem Podest herunterstieg und auf Alcar zutat. André fuhr fort:
„Die Fremdlinge kehrten in ihr eigenes Land zurück und Tausende zogen los, um das Land der Liebe zu erreichen, um ihre Pilgerreise zu beginnen.
Und Ihnen, Freunde, Ihnen allen rufe ich zu: Verlassen auch Sie dieses kalte Land, es erwartet Sie anderes, ein höheres Glück.
Verlassen Sie dieses Tal der Tränen und folgen Sie dem Weg, den sie beschritten haben und alle beschreiten werden, weil es der Weg ist, den Gott uns weist und stets weisen wird. Erheben Sie sich, Freunde, folgen Sie dem Weg der Liebe. Folgen Sie dem Weg, der Sie zum Land des ewigen Glückes führen wird, wo Ihre Freunde, die bereits dort sind, leben.“
André spürte, dass er in diesem Augenblick noch weiter gehen konnte und rief ihnen voller Begeisterung zu:
„Freunde, ich will euch noch mehr sagen, es ist die Wahrheit, wie alles die Wahrheit ist. Hört zu, hört gut zu und vergesst es nimmer:
Ihr alle lebtet auf Erden und seid dort gestorben. Ihr lebt in der Ewigkeit, habt jedoch euer irdisches Leben verpfuscht, da euer Leben stofflich war, wodurch ihr in diesen Zustand geraten seid. Ihr wisst nichts von einem geistigen Leben, weil ihr euch jenem Leben verschlossen habt. Betet, dass Gott euch die Augen öffnen wird.
Wo sind eure Kinder? Auch sie leben hier an dieser Seite, doch in anderen Landen. Sie sind schöner und reiner, sodass ihr sie nicht sehen könnt, da sie jene höhere Abstimmung besitzen. Erfühlt eueren unnatürlichen Zustand und vergleicht euer Leben mit einem höheren, einem geistigen Leben, in dem ihr einst ewig leben werdet. Nunmehr kollidiert ihr mit allem, was sich in jenem Land befindet, auch mit eueren eigenen Kindern. Hier werdet ihr euere Kinder nicht wieder sehen, nie und nimmer. Da, wo nichts als Glück herrscht, dort werdet ihr sie wieder finden, in himmlischer Schönheit. Gottes Wille ist, Freunde, dass ihr Seinem Weg folgt. Gott ist Liebe, Freunde. Gott ist Licht, Glück und Leben.“
Nun waren alle verändert. Er hörte den Geistlichen ausrufen: „Gott ist Liebe, wir wollen dem Weg der Liebe folgen.“ Alle riefen durcheinander: „Gott ist Liebe, wir wollen in das Land der Liebe, wir wollen unsere Kinder wieder sehen.“ Es war ein großartiger Abschluss, den er vorher nicht zu erhoffen gewagt hätte. Viele weinten, Tränen kullerten über ihre Wangen. Nun waren alle aufgetaut, ihre Herzen waren geschmolzen. Liebe strömte hinein, die Kälte musste für ein wärmeres und schöneres Gefühl Platz machen. Es war das Neue, in all seiner Schönheit.
Alcar sagte ihm, dass er aufhören solle, und dass sie ihren Blicken entschwinden würden. Blitzartig kam es in ihn: „Auch dich werde ich davon überzeugen, was Liebe vermag, was die Kräfte der Liebe sind.
Mach dich bereit, André, und gib mir deine Hand als Kontakt.“ André fühlte nichts als Glück in sich.
„Das, worüber ich mit dir in den finsteren Sphären gesprochen habe, wird nunmehr geschehen. Konzentriere dich auf mich, alle Kräfte sind erforderlich.“ Der Geistliche stand vor seiner Gemeinde, und aus Hunderten von Kehlen hörten sie: „Gott ist Liebe, wir wollen in das Land der Liebe und des Glückes, wir wollen unsere Kinder wieder sehen.“
Zum letzten Mal blickten sie zu ihnen hinüber; dann hörte André wie ihm gesagt wurde, dass er sich bereithalten solle, er spürte, dass er sich in einen anderen Zustand begab – und schon waren sie vor ihren Augen verschwunden. Noch klang es ihnen in den Ohren: „Ein Wunder ist geschehen, Christus war in unserer Mitte, Christus war hier, Christus hat sich mit einem Apostel gezeigt. Gott ist Liebe, nichts als Liebe.“
„Höre sie, mein Sohn! Sie denken, dass das heilige Kind Gottes in ihrer Mitte war. Es ist die Kraft der Liebe, die ein Mensch besitzen kann, und durch die er sich für niedrigere Zustände und Abstimmungen unsichtbar machen kann. Es ist also nichts anderes als Liebeskraft, auf geistiger Abstimmung.“
Hand in Hand schwebten sie weiter, einer anderen Sphäre entgegen.