Eine geistige Einsegnung und zurück zur Erde

Der Vogel, der noch stets auf Andrés Schulter ruhte, machte sich bereit, als spürte er, dass die Stunde des Abschieds gekommen war. Er flog auf Alcars Schulter, welcher ihn streichelte und einige Worte der Liebe zu dem Tier sprach. In einem weiten Bogen um die Fontäne herum, als wollte er die Fontäne und alles andere Leben beschirmen, verschwand der Vogel in der Natur. 

„Lebe wohl, mein Leben. Wir werden wiederkehren.“ 

Und auch zu den anderen Vögeln, die auf dem Rand der Fontäne saßen, sprach Alcar Worte der Liebe, woraufhin sie fortflogen. 

Alcar blickte ihnen hinterher; André wusste sich keinen Rat, so ergriff ihn dieser Abschied. Rührend war das Geschehen. 

„Und nun, mein Junge, noch einen letzten Blick in ein geistiges Haus. Du wirst für lange Zeit nicht hierher zurückkehren. Es werden Monate vergehen, weil du dies alles erst auf Erden verarbeiten musst. Nimm alles tief in dich auf, sodass du es in seiner Wahrheit durchgeben wirst.“ 

André war im Begriff, aufzubrechen. Er spürte, dass er zusammensinken würde. Wie schwer war es, um sich von all dem zu trennen. Trotzdem musste es sein. Er schrak bereits vor dem Augenblick zurück, da er auf Erden wach werden sollte und das Leben im Stoff wieder beginnen würde. Doch er wollte nicht undankbar sein und seinem geistigen Leiter lieber für all dieses Heilige danken. Er konnte jedoch kein Wort sagen. Er sprach sich Mut zu. Zunächst musste er trachten, sich dieses Glück zu verdienen. Wie schwer war es nicht für Alcar, dass er hier leben konnte und all dieses Schöne zurückließ, um in Finsternis und Kälte zu wirken. Er verstand, dass sein geistiger Leiter auf Erden kämpfte, um dem Menschen zu helfen. 

Der Augenblick war gekommen. Alcar stand vor der Fontäne und blickte auf das Leben, das sich im Becken fortbewegte. 

„Alcar“, sagte André, „ich kann nicht viel sagen, aber ich verspüre das Bedürfnis, dir zu danken. Doch ehe ich von hier fortgehe, wollte ich dir dennoch Folgendes sagen: Ich werde auf Erden mein Bestes tun und es dir nicht schwer machen.“ 

André kniete vor seinem großen geistigen Leiter nieder. Alcar beugte sich über sein Instrument; die wenigen Worte sagten ihm mehr als Bücher. 

„Ich danke dir, mein Sohn. Gottes Segen wird auf unserem Werke ruhen. Nunmehr zum Fest in den Sphären“ 

Als er Alcars Wohnung verließ, spürte er, dass ihn ein Schauer durchrieselte. Wie sollte sich Alcar fühlen? „Ein Geist des Lichtes trägt seinen Himmel innerlich." 

André verstand. 

Hand in Hand schwebten sie weiter, einem anderen Zustand entgegen, welcher der letzte auf dieser Reise sein sollte. In allem lag ein goldiger Glanz. Wie mächtig war Liebe, wie lernte er sie kennen. Sie hatten sich jenes Glück durch viel Leid und Schmerz angeeignet. Er sah, dass das Land stets höher anstieg. Es war, als wenn er sich von einem Tal aus in einer sanft ansteigenden, aufwärts führenden Richtung der höchsten Spitze näherte. Unter sich sah er Tempel und Gebäude in prächtigen Farbtönen, die alle strahlten, wovon er die Bedeutung nunmehr verstand. Viele Wesen, die der selben Richtung folgten, schwebten an ihnen vorüber. Sie führten Gespräche miteinander, was er deutlich sah und spürte. Wunderlich war es. – Für sie ganz gewöhnlich, da sie in diesem Leben lebten. Manchmal sah er sie vor sich, worauf sie auf einmal vor seinen Augen verschwanden, als lösten sie sich in der Luft auf. André begriff es nicht. Er fragte seinen geistigen Leiter, was dies zu bedeuten habe, und dieser sagte ihm: „Wenn wir uns verbinden, auf ihre Konzentration Abstimmung haben, sehen wir sie, sonst ist es nicht möglich. Auch sie können unsichtbar bleiben; wenn sie auch in dieser Sphäre leben und wir ein und dieselbe Abstimmung haben. Das kommt, weil sie sich schneller fortbewegen als wir und daher unsichtbar sind. Doch es gibt unter ihnen welche, die bereits Abstimmung auf eine Verbindungssphäre haben und bald in die sechste Sphäre eingehen werden. Wir werden uns nun schneller fortbewegen. Wir werden bald da sein.“ 

In der Ferne glaubte André ein großes weißes Licht wahrzunehmen. Je mehr sie sich näherten, desto deutlicher wurde auch das Licht für ihn sichtbar. 

„Was ist das für ein Licht, Alcar?“ 

„Was du siehst, ist das Licht, welches der Tempel des Glücks ausstrahlt; es ist die Kraft des Lebens. Dort werden Wesen verbunden. Du wirst erleben, dass einige von unseren Brüdern und Schwestern höher schweben werden. Sie werden in der sechsten Sphäre aufgenommen werden.“ 

André sah ein ungeheuer großes Gebäude, aus schneeweißem Marmor errichtet, sehr merkwürdig in der Form, ein Kreuz darstellend. Eindrucksvoll war es, so aus der Ferne. 

Langsam sank Alcar, bis sie die ebene Erde erreicht hatten. Aus allen Richtungen sah er die Engel heranschweben. Er sah schwebende Engel! Was auf Erden ein Märchen war, sah er im Geiste bewahrheitet. Prächtige Gewänder, die phosphoreszierten. Jung und schön waren alle, strahlend in himmlischem Glanze. Alles lebte, alle strahlten Licht aus. Jung, ewig jung sollten sie bleiben. „Viele sind tausend Jahre alt, mein Sohn, andere wiederum jünger. Es gibt auch welche unter ihnen, die zwei- oder dreitausend Jahre alt sind.“ 

André sah nichts als Wunder. Welch ein Glück, um hier leben zu dürfen. André meinte, dass sie sich an der Vorderseite des Tempels befanden. Dabei sah er seinen geistigen Leiter an, um es aus seinem Munde zu hören. Doch Alcar lächelte und sagte: „Wir kennen hier keine Vorder- oder Rückseiten, hier ist alles offen, wo du auch lebst. Im Leben des Geistes kann nichts verborgen werden. Der Tempel stellt das Leben unseres großen Meisters Jesus Christus dar, dem vollkommenen Kind Gottes; durch Seine heiligen Kräfte errichtet.“ 

Überall sah er Fontänen, die ihre Strahlen himmelhoch versprühten, wodurch das Leben in Myriaden von Farben verwandelt wurde. Überall sah er Glück, nichts als Liebe. Tausende von Wesen waren beisammen, in Liebe. 

Was war Schönheit auf Erden, verglichen mit all dem? Bei ihrem Glück fühlte er sich glücklich. Alle strahlten Weisheit, Kraft und Liebe aus. War dies das Land der Liebe, worüber er gesprochen hatte? Während er sprach sah er ein ähnliches Bild. Alles wies darauf hin, dass es dieser Zustand sein musste. Bestimmt hatte Alcar ihm diese Inspiration durchgegeben. Das, was er den lebenden Toten wiedergegeben hatte, war Alcars Besitz. Er hatte nichts als die Wahrheit erzählt, nichts als die ewige Wahrheit. Er war schon glücklich, dass er alles so deutlich durchgegeben hatte. Alcar hatte sie überzeugt, indem er ihnen über sein eigenes Leben erzählte. Er war glücklich, dass er einst die Kraft und dieses Glück besitzen sollte. 

Oh, wie schön sie alle waren. In ihren Augen lag ein himmlischer Glanz. Darin lag die Kraft des Wesens. Dies fiel ihm deshalb so stark auf, weil so viele beisammen waren. Welch ein Gegensatz im Vergleich zum Menschen auf Erden. Die hübschesten Menschen, die er je gesehen hatte, waren an dieser Seite Unglückliche, wenn sie ihre Schönheit empfanden. Ihre Schönheit war nichts als jämmerliche Eitelkeit. Auf Erden waren die Menschen alt, wenn sie auch jung und schön zu sein glaubten. Alt im Geiste waren hier alle und jung und schön – das war ihre Weisheit, wodurch sie strahlten. Sie alle waren Sonnen, die andere erwärmen konnten. 

„Komm her, André, wir werden uns hier hinsetzen.“ 

Überall gab es Ruhebänke, wo immer er auch in den Sphären war. Hier waren es Bildhauerwerke, die Verschiedenes darstellten. Sonnen waren wiedergegeben worden, Sterne und Planeten, Sphären und andere symbolische Darstellungen. Er begriff zugleich, dass er sich in einem besonderen Zustand befand, da kein Wesen ihn beachtete. Wie gerne würde er mit ihnen gesprochen haben, um nur kurz ihre Stimmen zu hören. Doch er spürte, dass es nicht möglich war, weil er in Alcars Abstimmung lebte. Er war auch zufrieden. Wie groß war schließlich die Gnade, all dies zu sehen und es erleben zu dürfen. Für viele auf Erden würde es bereits Glück bedeuten, wenn sie all das in einer Vision wahrnehmen dürften. Nein, er war dankbar gestimmt. Sein Dank stieg aus tiefster Seele zu Gott empor. Einst würde er an allem teilhaben dürfen, wenn auch er diese Abstimmung besitzen sollte. Er würde kämpfen, um sich dieses Großen zu bemächtigen. Oh, wie viel Glück ihn und alle Menschen auf Erden noch erwartete. Einst würde er auf ewig mit Alcar eins sein. Für dieses Glück wollte er gerne auf Erden sterben. Für jedermann, der sein Leben übernehmen wollte. Doch das war nicht möglich. Er wollte alles tun, denn hier in diesem Leben gab es nichts als Glück. 

„Sind hier alle beisammen, Alcar?“ 

„Auch hier, mein Junge. Die Reichsten der Erde, Herrscher und Kaiser, die Ärmsten der Armen, hier ist alles eins. Höre, die Meister fangen an, ihre hohen geistigen Gefühle in Kunst wiederzugeben.“ 

Er empfand eine tiefe Ruhe. Das Heilige geschah. In der Ferne hörte er die Klänge anschwellen. Von fernen Orten aus kam es hierher und klang melodiös in seinen Ohren. Angefangen hatte es als sanftes Geflüster. Doch in jenem Geflüster waren Himmel und Erde verbunden, es war eins, er spürte es deutlich. Es prickelte in seinem ganzen Körper; es war eine gewaltige Kraft, die in ihn kam. Alle Wesen knieten nieder. Auch Alcar, und er kniete neben seinem geistigen Leiter nieder. Er spürte, dass er so demütig wurde, wie er es noch nie war. Vor Dankbarkeit gegenüber Gott weinte seine Seele. Nun empfand er eine andere Demut als er auf Erden zu empfinden können glaubte. Im Vergleich zu diesem Gefühl rebellierte er auf Erden, wenn er sich Gott auch zu nähern glaubte. Wie weit war er dort von diesem heiligen Gefühl entfernt. Meilenweit war er von ihm entfernt. Sein Herz zog sich zusammen und das Leben bedrückte ihn. Es war, als fühlte er wieder all seine begangenen Sünden. Er hatte für all seine Fehler um Vergebung gefleht, doch er spürte, dass sie noch in ihm waren. Je schöner die Musik wurde, desto mehr veränderte er sich. Jedes Mal veränderte sich seine Gefühlskraft. Alles kehrte in ihn zurück, er sah sein ganzes Leben auf Erden an sich vorüberziehen. Ein bitteres Leid überfiel ihn. In allem spürte er seine Schwächen. Hier erlebte er alles, gespielt durch die Meister. Innerlich weinte er, doch es traten keine Tränen hervor. Er schluckte sie hinunter, er wollte niemandem seine Schwächen zeigen. Dies alles wollte er selbst verarbeiten; es war eins mit ihm, es war sein Leben. Nun spürte er, dass er von hier fortschwebte. Man führte ihn über Berge und Täler. Oh, welch eine Musik. Es war keine Musik, wie man sie auf Erden den Instrumenten entlockte. Es war unbeschreiblich, es zerriss einen Menschen. Er spürte, dass er immer weiter schwebte. Bald befand er sich in großer Höhe, bald wieder über der Erde. Das Leben tanzte in ihm, es war der Tanz des Lebens. Niemals zuvor hatte Musik ihn so ergriffen als jetzt. Sanft führte es ihn an den Ort zurück, an dem er sich befand – in ihre Mitte, in die fünfte Sphäre. Dann wurde es wieder stärker und heftiger, es war wie ein Sturm, der alles vernichtete. Es kehrte zurück, als wenn ihm ein heiliges Wesen etwas zuflüsterte und von Glück und Seligkeit erzählte. Er fühlte alles und begriff diese mächtige Sinfonie, die das Leben bedeutete. Es war, als wenn Gott persönlich zu ihm sprach. Hier sagte man ihm, dass ihn viel Glück erwartete, wenn er das Leben verstand. Hunderte von Bildern sah er wie einen Film an sich vorüberziehen. Er erkannte Erdteile, und man verband ihn mit anderen Planeten. Er sank in große Tiefen hinab, und er sah die Finsternis und spürte die Kälte in sich kommen. Er sah Christus, in Seinem Leid, das Er durchgestanden hatte, und er empfand die Schmerzen als man Ihn an das Kreuz schlug. Wer ließ ihn all das erleben? Wie sollte er das alles aushalten können? Er war eins in dieser Sphäre, man ließ ihn erleben, was sie hier fühlten. Er war ergriffen und spürte, dass seine Kräfte dahinschwanden. Lange durfte es nicht mehr fortwähren. Welch eine Kraft lag in dieser Musik! Alle Engel waren mit den Meistern verbunden. Auch sie spürten ihre heilige Kraft. Er musste sich noch intensiver anstrengen, wollte er das alles bis zum Schluss aushalten können. Er ergriff Alcars Hand und schloss sie in die seine. 

Was hörte er nun? Aus der Ferne kam ein wunderschöner Gesang zu ihm herüber. Es waren wohl Tausende von vereinigten Stimmen. Ein so reines Singen hatte er noch niemals gehört, es war so rein wie ihre Ausstrahlung. Die Meister begleiteten den Gesang. Eine himmlisch schöne Stimme hörte er aus allen anderen heraus. Es war, als würde ihm noch mehr Glück zuteil. Das Leben kam in ihn. Er spürte die Kraft ihrer Liebe, welche in ihrem Gesang eingeschlossen war. Er verstand wortwörtlich alle Laute. Alle Engel sangen im Chor: „Gott ist Liebe. Gott bedeutet Glück. Liebe bedeutet, durch alle Jahrhunderte hindurch zu leben. Liebe bedeutet eins sein mit Ihm." Oh, eine Empfindung großen, heiligen Glückes war in ihn gekommen. Er verstand ihr Gefühl, das Leben war in ihm. 

Selig sind diejenigen, die des Glückes teilhaftig werden. In Liebe vereint, in Frieden, in Glück, auf ewig eins. Das galt für diejenigen, die verbunden werden sollten. Was Gott verband, verband er mit Sich. Sphärenschönheit, Sphärenliebe, Engelglück, engelschön. Gib Liebe und du wirst empfangen. Er konnte nicht mehr, es war zu viel für ihn. Alcar hielt ihn krampfhaft fest, um ihn durchhalten zu lassen. In einer heiligen Stille endete alles. Lange blieben die Engel niedergekniet. Still waren alle; es war noch stiller, als bevor die Meister angefangen hatten. Endlich standen alle auf und begaben sich zum Tempel des Glücks, wo sie eintraten. 

„Ihr und auch unser Gebet ist beendet, André. So betet man in den Sphären. So bereiten wir uns vor, um an einem Fest teilzunehmen. Alle empfanden eine höhere Liebe, die sie später besitzen werden. Stark sein, mein Junge. Noch ist das Ende nicht da, auch wir werden eintreten.“ 

André hielt sich krampfhaft an seinem geistigen Leiter fest, er wollte Alcar nicht mehr loslassen. Tausende von Engeln waren hineingegangen. Er getraute sich nicht; war er wohl bereit, um in ihrer Mitte zu weilen? Würde er nicht dieses heilige Geschehen stören? 

„Nein, du darfst eintreten, mein Junge. Dein Gebet ist erhört worden, dadurch hast du neue Kraft erhalten.“ 

Hand in Hand traten sie ein. Hier wurden keine Wesen zurückgewiesen, Millionen von Wesen konnten hinein. Alles war allmächtig. Er spürte, dass sich auch dieses Gebäude auflösen würde. Es dehnte sich aus, es gab Wände, aber die Wände lebten. Darin lag das Leben Christi. Das erste, was ihm auffiel, war die Kreuzform des Tempels. Sie stellte das heilige Leben Christi dar. Das Ganze befand sich in einem weißen, strahlenden Licht, das alle Wesen erleuchtete. Er sah kein Ende an dem Tempel. Die Liebe Christi war endlos, unerschöpflich, es gab kein Ende. Hier befanden sie sich in Seinem Haus der Liebe. Alle Wesen, die in der fünften Sphäre lebten, würden eintreten können. Ihm schwindelte, es war alles zu mächtig. Hier wurden ihm Wunder aus einer höheren Sphäre gezeigt. All das drang zu ihm durch und er begriff, dass Alcar es ihm innerlich sagte. Es wurde in geistiger Sprache zu ihm gesprochen. Bis in die Ferne konnte er die Engel wahrnehmen. Hier gab es keine Distanz, er fühlte und sah alles, was sich an diesem Ort befand. Im Geiste gab es keine Behinderung, alle waren eins. Blumen in unbeflecktem Weiß zierten das Innere des Tempels. Auf einem höheren Podest sah er zwei Wesen niederknien, mit schneeweißen Gewändern bekleidet, ihre Häupter tief verneigt, ihre Hände gefaltet, wie Marmor so weiß. André spürte, dass sie auf höhere Kräfte eingestellt waren. Das Heilige schien zu kommen. Gott war in ihnen, er spürte den Atem des Lebens, der alles Leben erhielt. 

Ein sanftes, himmlisches Geräusch erklang. Alle Engel richteten den Blick empor, wartend auf etwas, das kommen sollte. Jetzt sah er, wie irgendein Licht über die beiden Glücklichen kam. Alle blickten darauf. Nun vernahm er einen melodiösen Gesang. Es war ein Gebet, welches die beiden Wesen zu Gott hinaufschickten. Das Gebet wurde stets inniger, es strömte in seine Seele und auch er betete für ihr Glück. Um das Haupt beider sah er einen Strahlenkranz aus Licht, den er deutlich unterscheiden konnte. In ihrem Licht sah er sanftere Farbtöne als in seinem, wodurch er die männlichen Kräfte erfühlte. In seiner Schöpferkraft lag sein kräftiges, starkes Licht, das sich mit dem ihrem verband. Die Lichter flossen ineinander, in der Ausstrahlung waren sie bereits verbunden. 

Nun sah er viele andere Wunder. Die Wände begannen zu leben, er sah wie sich ganze Szenen darin abspielten. Er sah das Weltall, die Sterne und Planeten und das Leben von Christus an sich vorüberziehen. Über den beiden Engeln sah er dieselben Szenen. Das Universum erwachte, es wurde allen gezeigt. „Siehe“, empfand er, „das Leben erwartet dich. Das Leben wartet, du kannst in höhere Sphären eingehen“. Andere Planeten wurden gezeigt, es war das Leben, das niederstieg. Christus, der vollkommene Sohn Gottes, sollte kommen. Mit Ihm waren alle eins, Er, der kosmisch Erwachte, sollte herabsteigen. Die Verbindung war zustande gekommen. Alle hatten einen flüchtigen Schein von Ihm wahrgenommen und sie waren mit Seinem heiligen Leben verbunden. 

Nunmehr neigte ein jeder sein Haupt; jedes Wesen bat um Kraft und Liebe, um auch, wie jene dort, in einen höheren Zustand aufgenommen zu werden. 

Nach dieser eindrucksvollen Stille wurde plötzlich der ganze Tempel erleuchtet. Die beiden Engel wurden von einem Lichtstrahl beschienen. Noch immer wurde es heller. Aus allen Richtungen schossen Lichtstrahlen und erleuchteten die beiden Kinder, die auf ewig verbunden werden sollten. Vor ihnen sah er ein goldenes Licht, das wie eine Sonne aufging. Das Leben nahte. Der heilige Augenblick war nahe. Alcars Hand drang in die seine, als wollte sein geistiger Leiter ihm sagen, dass der Augenblick gekommen sei. Die beiden Wesen waren wie marmorne Bilder. Ihre Gewänder leuchteten, beschienen durch das himmlische Licht. Alle Engel konzentrierten sich auf diesen Augenblick. André sah, wie in jener goldenen Sonne etwas sichtbar wurde: Es war ein Wesen. Deutlich sah er es in dieser goldenen Umrahmung. Nun trat es hervor, es lebte. Das Wesen blieb in einen Schleier gehüllt, streckte jedoch die Arme aus und segnete die beiden Engel. Der heilige Augenblick war da, zwei Leben wurden aufgenommen. So plötzlich wie es gekommen war, verschwand das Licht, Christus, der vollkommene Sohn Gottes, hatte sich manifestiert. Engel sangen, die Meister begleiteten sie, ein mächtiger Chor stimmte ein; es war ein erhabenes Ganzes, alles bedeutete Liebe. 

André spürte, dass er zusammensank, dies konnte er nicht verarbeiten. Noch hörte er den Gesang, der sich immer weiter und weiter entfernte. Danach war er sich von nichts mehr bewusst. Als er erwachte, spürte er noch immer Alcars Hand in der seinen, und er begriff, dass keine anderen Mächte als die von Gott allein sie würde trennen können. Er schlug die Augen auf und sah seinen geistigen Leiter an. 

„So, mein Junge, wieder bei Bewusstsein?“ 

André nahm Alcars Hände, um ihm für alles zu danken. Er konnte kein Wort sprechen. So schwebten sie lange weiter, der Erde entgegen. Noch war seine Konzentration nicht zurückgekehrt. Seine Gedanken waren wie gelähmt. Er hatte das höchste Glück erlebt, er war benommen vor Glück. Langsam kehrten seine Kräfte zurück. 

„Wo sind wir, Alcar?“ 

„Auf dem Weg zur Erde.“ 

„Nicht mehr in deiner Sphäre?“ 

„Nein, mein Junge.“ 

„Oh, wie schön war alles, ich bin benommen vor Glück.“ 

„Es wird deine seelischen Kräfte stärken. Du hast das Heiligste unserer Reise erlebt, hast als irdischer Mensch eine himmlische Verbindung miterleben dürfen. Das ist eine Gnade, die nur einem Menschen unter Tausenden zuteil wird.“ André erkannte, dass er sich in der dritten Sphäre befand und spürte, dass sie mit großer Geschwindigkeit der Erde entgegenschwebten. Noch einige Augenblicke und auch dieser schöne Austritt gehörte der Vergangenheit an. Es sollte ihn während seines ganzen Lebens auf Erden unterstützen. In wenigen Augenblicken hatten sie die Erde erreicht und er betrat sein Zimmer. „Alles, was du erlebt hast, mein Sohn, wird dir bewusst sein. Es bedeutet Weisheit im Geiste, und das wird in deinem irdischen Leben nichts als Kraft bedeuten. Beginne bald mit deiner Aufgabe, um es der Menschheit zu verkünden. Ich werde dir dabei zur Seite stehen. Doch alles hängt von deinem Gefühl ab, um es so mitzuteilen, wie ich es dich sehen ließ. Das ist deine Aufgabe; auf unsere Unterstützung kannst du zählen.“ 

Nochmals kniete André vor seinem geistigen Leiter nieder, um ihm für alles zu danken. 

„Stark sein, mein Junge, wir werden bald wieder zusammen sein.“ 

André spürte wie er in die Höhe ging, wieder hinabsank und mit einem leichten Ruck in seinen Stoffkörper zurückkehrte. Er erwachte mit einem erhabenen, glücklichen Gefühl und hörte seinen geistigen Leiter sagen: „Nun bist du wieder mit deinem Stoffkleid verbunden. Du lebst auf Erden, ich an dieser Seite, aber wir sind eins, für ewig, auf ewig. Ehe ich jedoch den Kontakt abbreche, bitte ich dich: Vergiss nichts von all dem, was du hast erfahren dürfen. Beginne bald mit deiner Aufgabe. Danach erwarten dich neue Wunder. Dein Alcar.“ André hörte nichts mehr und fiel in einen Tiefschlaf. Am Morgen wurde er wach und wusste, was er in dieser Nacht erlebt hatte. Er fühlte sich glücklich und konnte wohl heulen vor Freude. In ihm lag ein großes, heiliges Gefühl, dessen Ursache er kannte. Es war das Glück, das jene empfanden, die im Jenseits lebten. 

In Glück, in Liebe, auf ewig eins. Sie hatten das Stoffkleid abgelegt; sie begriffen, was das Leben auf Erden bedeutete.